Wolfgang Ewert

 

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Man soll sich vor Übertreibungen hüten; denn wer übertreibt, der lügt. Sicherlich wird jeder dieser Unart bezichtigt werden, der behauptet, ein Dorf, das sich schon siebenhundert Jahre lang an gleicher Stelle befindet, habe siebenhundert Jahre lang gar nicht existiert, sondern erst vor ein paar Jahren seine Geschichte begonnen.
Sehen Sie, da sagen Sie schon: Der übertreibt aber!
Bitte legen Sie dieses Büchlein nicht gleich beiseite. Lassen Sie sich von dem merkwürdigen Dorf erzählen. Vielleicht kann ich Sie doch davon überzeugen, dass seine Bewohner eben erst angefangen haben, die Geschichte ihres Dorfes zu machen. Es handelt sich um die Gemeinde Altwigshagen im Kreis Ueckermünde, die aus den Ortsteilen Altwigshagen, Demnitz, Borkenfriede und Finkenbrück besteht und am Nordostrand der Friedländer Grossen Wiese liegt, einige hundert Meter abseits der Fernverkehrsstrasse Berlin-Prenzlau-Anklam-Stralsund. Damit Sie dem Erzähler nicht mit Unglauben und allzu grosser Skepsis folgen, soll etwas vorweg genommen werden:
Eine Aufzählung der stummen und doch so viel sagenden Zeugen aus den ersten Jahren der – wie behauptet – jungen Geschichte des Dorfes. Die Bewohner der Gemeinde Altwigshagen bauten:

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1953 einen Schweinestall und einen Hühnerstall
1954 zwei Schweineställe, einen Kuhstall, ein Bergehaus
1955 ein Futterhaus, einen Kuhstall, einen Schweinestall
1556 einen Kuhstall
1957 ein Bergehaus, einen Kuhstall, eine Garage, einen Hühnerstall, einen Kükenaufzuchtstall
1958 einen Hühnerstall, zwei Rinderoffenställe, eine massive Wohn- und Kulturbaracke
1959 zwei Kälberoffenställe, einen Kükenaufzuchtstall, einen Brutraum, zwei Hühnerställe, einen Schweineaufzuchtstall, einen Kuhstall als Umbau, einen Entenstall, zwei Schweineställe.
In den letzten zwölf Jahren wuchsen in der Gemeinde ausserdem 28 neu Wohnhäuser aus dem Boden. Strassenbeleuchtung, viele Umbauten und Wegeausbesserungen sollen nur nebenbei erwähnt werden. Und in den nächsten Jahren kommen hinzu:
1960 zwei Rinderoffenställe mit Melkhaus, ein Kälberoffenstall, drei Kükenaufzuchtställe, ein Zuchtstammstall, Strassenbau, Strassenumpflasterung, Kanalisation, 21 Wohnungen
1961 ein Kornboden, ein Kälberoffenstall, ein Bullenmaststall, Bauten für die Geflügelfarm, Oberschule, Strassenbau
1962 ein Schweinemaststall, Bauten für die Geflügelfarm, Strassenbau, 24 Wohnungen
1963 ein Schweineaufzuchtstall, Ladenkombinat, Dorfwirtschaftshaus
1964 zwei Offenställe, Strassenbau
1965 ein Kulturhaus, Sportplatz, Erweiterung der Strassenbeleuchtung, Strassenbau

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Das Dorfbild wird heute von beidem bestimmt, von den kleinen greisenhaften Katen unter dem Schloss und von den schmucken neuen Wohnhäusern, deren Reihen schon manchen Winkel des Dorfes das Gesicht einer richtigen Strasse gegeben haben. Wie ein Mensch, von Qualen und Krämpfen befreit, die Schönheit des menschlichen Antlitzes wieder gewinnt, so wird auch unser Dorf jetzt ein schönes Dorf. Schon lange, bevor sich die Altwigshäger dem Schönheitswettbewerb der Landgemeinden der Deutschen Demokratischen Republik anschlossen, hatten sie begonnen, das Hässliche aus ihrer Arbeit, ihrem Zusammenleben in der Gemeinde und auch aus dem Dorfbild zu vertreiben. Seit einigen Monaten machen sie mit im Wettbewerb, und es geht nicht schlecht voran, wenn man sich anstrengt, hinter der Nachbargemeinde oder Hunderten anderen nicht zurück zu bleiben.

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Freilich, die neuen Häuser werden einst wiederum im Schatten neuer, noch schönerer Häuser stehen und auf den Abbruch warten. So wird es auch jenen Gebäuden gehen, von denen in unseren Tagen jeder Altwigshäger mit gehobener Stimme spricht. Ihnen gab das Dorfleben einen Namen, der den Geruch von Mörtel und frischem Ziegelstaub in die Nase steigen lässt, den einfachen Namen "Objekt"; der grösste Teil der neu erbauten Wirtschaftsgebäude liegt in einem Komplex am Dorfrand und wird seit Baubeginn "Objekt" genannt, obwohl der respektablen Anlage ein blutvoller Name, wie etwa "Kombinat", eher gebührte. Alles, alles, was jetzt schön und neu ist, wird einmal von dem, was kommt, überflügelt werden.
Etwas aber wird bleiben, das mit den neuen Gebäuden in Altwigshagen entstanden ist: der neue Geist, der die schaffenden Menschen des Dorfes beseelt. Und es wird die Schönheit bleiben, die Schönheit der Arbeit, des Lernens, des Lebens der Bewohner unseres neuen Dorfes. Von ihnen, ihren Vorfahren und ihren Kindern wollen wir berichten.

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Generationen armer Leute haben in Altwigshagen ihre Tage vertan, ohne dass das Leben ihnen Freude gab. Die älteren Altwigshäger tragen diese Erinnerung an diese Vergangenheit hinüber in die Zukunft. Haben sie selbst doch noch unter dem Gutsbesitzer gedient und gelitten, bis ihnen am Ende des zweiten Weltkriegs durch den Sieg der Sowjetvölker über den deutschen Faschismus die Freiheit von der Fron gegeben wurde.
An die Zeit der Herren und Knechte erinnert eine Sage, die man sich in Altwigshagen erzählt.

   
     

 

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