Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [10]

 

 

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FRAU BLANK WEINT
     
 

Berta Blank ist gewohnt, dass ihr Mann morgens zeitig aufsteht. Das musste er früher schon als Landarbeiter, das muss er als Neubauer. Sie bereitet, wie an jedem Morgen, auch heute das Frühstück. Hermann isst, ohne ein Wort zu sagen. Er spricht nicht viel, aber heute sagt er gar nichts. Die Fragen seiner Frau hört er kaum. Sie ahnt, was ihn beschäftigt. Vor zwei Tagen hat er mit ihr über die Genossenschaft gesprochen.
Schliesslich stellt sie die Frage, die er nicht überhört: "Du willst also mitmachen in dieser Genossenschaft?"
"Ich will nicht mitmachen, Berta", antwortet Hermann und sieht seine Frau ernst, mit weit geöffneten Augen an. Der Blick verrät alles, was ihm jäh durch den Kopf geht; er ist entschlossen, er hat es sich vorgenommen, er weiss, dass es Kampf kostet, er erwartet ihn, den Kampf um die Genossenschaft. "Ich will nicht mitmachen, wie du sagst", wiederholt er, "ich will anfangen. Andere warten auf mich. Ich kann sie nicht warten lassen. Wenn die vom Kreis heute kommen, machen wir das Gründungsprotokoll. Sieben Bauern, sieben Wirtschaften, das ist ein Anfang. Es werden sicher bald mehr sein..."
Niemand wird ihn umstimmen können; das weiss Berta Blank. Er hat nicht auf das gehört, was sie ihm vorgestern entgegen gehalten hat. Er hat sich entschlossen. Noch heute werden sie die Genossenschaft gründen.

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Berta holt das Hühnerfutter aus der Kammer, als Hermann sie allein gelassen hat. Sie greift ein paarmal mehr in die Gerste. Sollen die Hühner wenigstens noch einmal tüchtig fressen. Wie wird das morgen alles sein? Sie weiss auf einmal nicht mehr, was sie tun soll. Wie ging ihr sonst die tägliche Arbeit in Haus und Hof von der Hand! Sie weiss heute nicht, wo sie beginnen soll. Während die Hühner munter gackernd die Gerste picken, sinkt Berta auf der Holzbank vor der Hoftür zusammen und weint.
Die Hühnerschar hat längst die Gerstenkörner sauber aufgelesen und sieht sich in der Koppel nach Gewürm um, als Berta Blank sich aus ihrem Kummer reisst: Wie wird das denn nun eigentlich sein in der Genossenschaft? Was muss man denn da tun? Ob sie einem alles wegnehmen? Und ob es da wieder Lohn gibt wie damals auf dem Gut?
Als im vorigen Jahr in der Zeitung stand, dass sich Bauern in anderen Dörfern zu Ehren der II. Parteikonferenz der SED zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zusammengeschlossen haben, da hatte einer aus dem Dorf – er sass hier auf der Bank mit ihrem Mann – da hatte der geunkt: "Nu moken s' bi uns öwerall Kolchosen..." Hermann hatte ihm erklärt, dass es Kolchosen nur in der Sowjetunion gibt. "Die haben sich die russischen Bauern geschaffen, weil sie damit am besten voran kommen. Was wir haben wollen", so hatte Hermann damals gesagt, "das bestimmen wir selbst, da macht keiner bei uns Kolchosen".

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Und nun fangen sie in Altwigshagen mit so einer LPG an. Muss denn das sein?
Beim Mittagessen erzählt Hermann seiner Frau, ehe sie noch fragen kann, was er mit den anderen Bauern besprochen hat. Sieben sind sie: Hermann Scheel und er, Günter Baumann, Paul Baumann II, Adolf Donner, Alfred Götz und Karl Schmiel.
"Was soll das werden?", klagt die Bäuerin. "Ausgerechnet die! Haben nicht gerade die besten Wirtschaften. Scheel, na ja, aber die anderen! Sieh dir bloss deren Vieh an!"
"Wir werden arbeiten", erwidert Hermann. "Gemeinsam werden wir arbeiten, und wir werden uns hocharbeiten."
"Wie oft willst du dich denn noch hocharbeiten in deinem Leben?", fragt Berta. "Du hast es nicht nötig, deine Wirtschaft aufzugeben. Uns geht es gut. Was willst du eigentlich noch?"
Der Bauer überlegt einen Augenblick. Wie soll er es seiner Frau erklären, wo er selbst noch so viele Fragen hat?
"Sieh, Berta", sagt er, "uns geht es gut. Aber haben wir es leicht jetzt in unserer Wirtschaft? Müssen nicht alle Bauern schwer arbeiten, wenn sie es zu etwas bringen wollen?"
"In der LPG wächst das Korn wohl auf dem Speicher, und die Kühe geben Milch wie aus der Wasserleitung? Da braucht man wohl nichts zu tun", höhnt Berta.
"Arbeiten müssen wir in der LPG auch", sagt Hermann ruhig, "tüchtig arbeiten sogar, aber nicht mehr so schwer. Das ist der Unterschied".

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Noch manches Wort wird an diesem Tag und an den folgenden zwischen Blanks gewechselt. Hermann sagt seiner Frau alles, was er bis jetzt über die Genossenschaft weiss. Berta ist nicht überzeugt, aber sie wird zuversichtlich. Am meisten imponiert ihr, dass mehr mit Maschinen gearbeitet werden soll. Leichter muss das ja gehen. Dagegen lässt sich nichts sagen.

   
 

 

   
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