Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [11]

 

 

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Im Gemeindebüro hat die erste Vollversammlung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft "Fortschritt" Altwigshagen beraten und beschlossen. Sieben Bauern haben die Genossenschaft gegründet. Hermann Scheel wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die Vollversammlung hat das Statut des Typs I angenommen.
Die eigene Frau zu gewinnen, das war für Hermann Blank und manchen anderen Genossenschaftsbauern erst der Anfang langer, teils erfolgreicher, teils zunächst ergebnisloser Auseinandersetzungen. Jedes der sieben Genossenschaftsmitglieder spricht und handelt aber nicht mehr allein für sich, sondern für die Genossenschaft.
Auf den Feldern wird jetzt gemeinsam gearbeitet. Das Vieh behält jeder für sich. Für gemeinsame Viehhaltung braucht man grosse Ställe, und die sind noch nicht da.
Einige Schläge Kartoffeln bestellen die Genossenschaftsbauern schon gemeinsam. Die Pflegearbeiten auf den Feldern, die schon bestellt sind, verrichten sie ebenfalls zusammen. Jedes Mitglied stellt dafür seine Pferde zur Verfügung. Mit der MAS wird ein Vertrag abgeschlossen. Die junge LPG bekommt eine Sonderzuteilung Mineraldünger.

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Hermann Scheel ist von morgens bis abends auf den Beinen. Er muss alles organisieren, muss für die Genossenschaft seine Unterschrift unter Verträge, unter Lieferscheine und Rechnungen setzen. Er trägt die Verantwortung. Jeden Tag berät er mit den anderen Mitgliedern, Hermann Blank steht ihm zuverlässig zur Seite.
Die Arbeit geht voran, aber sie ist schwer, sie nimmt viel Zeit in Anspruch, weil die Felder weit auseinander liegen. Die MAS muss die Maschinen oft umsetzen, da ist viel Leerlauf.
Die Einzelbauern haben ihre Kartoffeln längst gehackt, ihre Rüben verzogen, als die sieben Genossenschaftsbauern noch nicht das Ende sehen.
Dem ersten kühnen Beginnen folgt Enttäuschung und bei manchem Gleichgültigkeit. Es geht nicht so, wie sie es sich gedacht haben.
Wasser fliesst in den Wein.
Hermann Scheel hat es immer eilig. Die Arbeit ist kaum zu schaffen. Das Vieh will auch versorgt sein.
Gerade hat er von der Brennerei einen Kübel Schlempe für sein Vieh geholt, da begegnet ihm auf der Dorfstrasse ein Bauer, mit dem er all die Jahre enge Freundschaft gehalten hat.
"Tag, Heinrich", begrüsst Hermann Scheel den Bauern, tippt mit dem Finger an die Mütze und hält die Pferde an. Er hat mit Heinrich lange nicht gesprochen.

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Heinrich hat keine Ohren für den Gruss des LPG-Vorsitzenden. Er wendet sich ab. Er hat dem nichts zu antworten, der hier im Dorf mit diesem Quatsch, mit der LPG, angefangen hat.
Am nächsten Morgen geht Hermann Scheel von seinem Hof zur Arbeit auf dem Gemeinschaftsfeld. Unterwegs grüsst ihn freundlich ein anderer Einzelbauer. "Na, Hermann", sagt er, "ji willn woll in'n Harwst Gras meigen up'n Tüftenacker?"
Der Vorsitzende weiss keine Antwort.
Die Diskussion über die Genossenschaft geht indessen unter den Einzelbauern weiter. Es gibt noch viele, die rundweg dagegen sind, manche zaudern, weil sich in der LPG noch nicht recht zeigt, wie es gehen wird. Andere überlegen, wieviel leichter sie es in der LPG hätten, obwohl sie dann nicht mehr selbstständig arbeiten können.
Nicht immer sind es die Bauern, die ihre Frauen herum kriegen müssen, dass sie mitmachen, oft ist es umgekehrt.

   
 

 

   
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