Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [14]

 

 

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EINE KUH VERSCHWINDET
     
 

Die LPG "Fortschritt" hat viel Grünland. Gleich hinter der Gemarkung der Gemeinde Altwigshagen liegt die Friedländer Grosse Wiese. Vom Frühjahr bis zum Spätherbst geht das Vieh auf die Weide. An die Wiesen aber grenzen Kornfelder und Rübenschläge. Und den Kühen ist es gleich, wem das Getreide und die Rüben gehören. Kaum findet sich der Mensch darin zurecht: Dies Stück gehört der Genossenschaft, das einem Einzelbauern, das nächste einem anderen Bauern, daran grenzt wieder eines der LPG... Wo der Koppelzaun morsch ist, da brechen die Sterken durch und tun sich gut am wohlschmeckenden Rübenblatt, durchstreifen das reifende Korn; was kümmert's sie, wem sie es wegfressen?
"Dat Genossenschaftsveih is wedder in uns Kurn west!" Eine kleine Protestversammlung erwartet auf der Dorfstrasse den, der für alles verantwortlich ist, den Vorsitzenden Hermann Scheel. Als er aus seinem Haus tritt, weiss er, was los ist. Es gibt eine Debatte, die sich alle paar Tage wiederholt und doch nichts daran ändert, dass die Kühe der LPG weder Verständnis für das Durcheinander in der Gemarkung noch Sinn für Genossenschaft oder Nichtgenossenschaft haben.

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Mit solchen Streitereien vergeht der Sommer. Die Nächte werden länger, das Vieh auf der Weide wird unruhig. Die Ausbrüche aus der Koppel werden häufiger. Kühe und Sterken schaffen arge Spannungen zwischen der LPG und den Einzelbauern.
Endlich wird aufgestallt. Obermelker Hermann Blank zählt die Häupter seiner Lieben: Eine Sterke fehlt. Man sucht die Gräben ab – nichts. Verschwunden. Die Genossenschaft bucht eine Sterke ab. Hermann Scheel schreibt auf: Vermutlich in ein Torfloch gefallen und verendet.
Es wird wieder Frühjahr. Das Stallfutter geht zu Ende. Auf den Koppeln aber wächst gutes Gras. Endlich ist der Tag des Austriebs da. Der Streit über das ausgebrochene Vieh im Vorjahr ist vergessen. Wer hat jetzt auch Zeit, sich zu streiten? Genossenschaftsbauern und Einzelbauern sind von früh bis spät auf dem Feld. Jeder müht sich, dass die Ernte reich werde. Die Einzelbauern denken an freie Spitzen und die Genossenschaftsbauern an gute Arbeitseinheiten: Arbeitest du jetzt tüchtig, hast du jeden Monat einen guten Vorschuss. Du bekommst soviel Arbeitseinheiten angeschrieben, wie du Morgen schaffst beim Rübenhacken. Aber wie sagt der Bauer? Man hackt den Zucker in die Rübe. Also hackst du auch den Wert deiner Arbeitseinheit in die Rübe. Je mehr, je besser du hackst, um so mehr bekommst du am Jahresende nachgezahlt.

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Es ist eitel Fleiss im Dorf. Die Fleissigen reissen die Trägen mit. Alles wächst und verspricht gutes Gedeihen. Das Milchvieh, auf den Weiden gut genährt, tut sein Bestes. Die Sterken fressen sich Kraft an. Dass der Genossenschaft eine Sterke fehlt, daran denkt niemand mehr. Man muss sich damit abfinden. Und eine tote Kuh bleibt tot, da kann niemand etwas dran ändern.
Allein, das Torfloch, in das die Sterke damals geraten war, lag nicht in irgend einer Wiese, und es war auch nicht so tief, dass das Tier verenden musste: Geschickte Treiber hatten die Genossenschaftssterke in den Stall des Bauern Adam gebracht. Der Stall gab das Tier ebensowenig wieder her, wie es das Torfloch getan hätte. Der Unterschied war nurder, dass die Sterke im Adamschen Stall gut überwinterte, während sie im Torfloch keine Stunde überlebt hätte.
Paul Baumann I, ein Einzelbauer, sieht eines Tages eine Sterke die Strasse entlang kommen, die ihre Herde verlassen hat und blökt, als ob sie das Tor des Schlachthofs sähe.
"Hermann, ist das eure von der Genossenschaft?", fragt er den Vorsitzenden. "Was der Genossenschaft ist, soll der Genossenschaft bleiben", meint er.
Hermann Scheel sieht sich die Sterke an. "Ja", sagt er, "da ist ja unser Dreieck im Ohr".

   
 

Ein paar Jungen treiben den Ausreisser auf den Hof der LPG. Hermann Scheel freut sich, dass die Torflochkuh auferstanden ist, und geht seiner Arbeit nach. Und nun gibt es wieder wegen einer Kuh Streit zwischen der LPG und einem Bauern.
"Was heisst hier Genossenschaft?", schimpft Frau Adam und holt die Sterke mit dem Dreieck im Ohr wieder vom Hof der LPG. Die Jungen protestieren: "Die gehört der Genossenschaft!"
"Denen werd' ich helfen, her mir der Sterke!"
Der Vorstand der LPG fasst einen schwerwiegenden Entschluss. Alle Genossenschaftsbauern wollen ein gutes, freundschaftliches Verhältnis mit denen, die noch einzeln wirtschaften. Doch kann die Genossenschaft etwas verschenken? Kann sie es mit dem genossenschaftlichen Eigentum weniger ernst nehmen, als es der Einzelbauer täte, nur weil dieses Eigentum nicht einem einzelnen gehört, sondern einer Gemeinschaft von Menschen? Der Vorstand erstattet Anzeige gegen den Bauern Adam. Es geht hier nicht um die Sterke, nicht um die zweitausend Mark, die mit ihr die Genossenschaft mehr besitzt, um die sie reicher ist. Es geht darum, dass sich die Genossenschaft verteidigen muss. Wer in unserer Republik eines anderen Eigentum antastet, verletzt die Gesetze und kommt mit dem Staat in Konflikt; denn der Staat schützt das Eigentum jedes seiner Bürger. Der sozialistische Staat ist überdies der starke Schutz derer, die den Sozialismus aufbauen. Und die Genossenschaft – das ist Sozialismus. Der Staat erzieht den Verirrten, der nicht weiss, dass er gegen sich selbst handelt, wenn er den Aufbau des Sozialismus stört.

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Bauer Adam ist kein Feind. Er hat die Sterke genommen, weil er sich ärgerte, dass sie sein Feld zertrampelte. Was er sich dabei gedacht hat? Er kann es vor Gericht nicht sagen. Er bereut. Sicher wird er im vorigen Sommer, als er die Sterke genommen hat, gedacht haben, was so viele dachten, bevor sie in die LPG gingen: Was in der Genossenschaft ist, gehört niemand mehr; das ist Allgemeinbesitz. Vielleicht hat er aber auch gedacht: Da in der LPG, da geht so manches drunter und drüber, vielleicht merken die gar nicht, dass eine Sterke fehlt.
Paul Adams Reue ist ehrlich. Die Gerichtsverhandlung klärt ihn nicht nur darüber auf, dass man auch das Eigentum der Genossenschaft nicht antasten darf, sondern sie öffnet ihm auch die Augen für die Genossenschaft.
Die Mitglieder der LPG, die in ihrer Vollversammlung den Bauern Paul Adam aufnehmen, werden nicht enttäuscht. Ihr neues Mitglied macht seinen Fehler wieder gut, indem er den Reichtum aller Mitglieder mit seiner Arbeit mehren hilft. Sein Anteil daran ist so wie seine Arbeit, die er der Genossenschaft gibt.
Es ist verständlich, dass die Genossenschaftsbauern nach dem Vorfall mit der verschwundenen Kuh sorgsam darauf achten, dass ihnen nichts abhanden kommt. Ein Stück Vieh hat nicht wieder gefehlt. Wohl aber bemerkte man einmal im Frühsommer, als die Wiesen junges Gras trugen, morgens angemähte Ränder auf einer Wiese der Genossenschaft. Es musste jemand nachts mit der Sense dabei gewesen sein.

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Hermann Scheel sattelt abends ein Pferd, das sich gut reiten lässt. Er ist als LPG-Vorsitzender nie geritten, weil das Inspektormanieren sind, die die Bauern hassen. Jetzt ist es zweckmässig. Auf dem Rappen kann man am besten an den Dieb heran kommen. Er reitet in der schwarzen Nacht auf Umwegen an die Wiese und erreicht sie von der dem Dorf abgekehrten Seite her. Er wartet. Da kommt ein Einspänner auf dem Feldweg heran. Der Mann, der das Fuhrwerk lenkt, hält vor der Wiese, lauscht, steigt vom Wagen, nimmt die Sense und: scht, scht, scht... Der Rappe, den Hermann Scheel am Zügel hält, wird unruhig. Der Vorsitzende hat den Dieb noch nicht erkannt. Einige Schritte geht er näher. "Halt!"
In den Sekunden, da sich nichts rührt, erkennt Hermann Scheel den Täter, es ist Karl Wiechert. "Halt, Karl!", ruft der LPG-Vorsitzende, "was machst du in unserer Wiese?"
Beide gehen aufeinander zu. Karl Wiechert lässt die Sense ins Gras sinken. Sie stehen nur einen Arm lang entfernt gegenüber. Trotz der Dunkelheit sieht Hermann Scheel, wie der ganze Körper des Bauern bebt und zittert. "Seg nich, dat du mi seihn hest, Hermann, ik betol di den Schoden. Äwer seg de annern nix!", bittet der Ertappte.
"Doröwer reden wi morgen früh. Un nu mok, dat du na Hus kümmst, un lot di nich wedder up unse Wisch seihn."
Hermann Scheel steigt in den Sattel und reitet ins Dorf. Hinter sich hört er, dass der Bauer sein Fuhrwerk in Gang setzt.

   
 

Hermann Scheel muss dem Vorstand sagen, wer der Dieb war. Der Vorstand beschliesst, den Einzelbauern Wiechert zum Schadenersatz aufzufordern und... ihm gehörig die Meinung zu sagen. So geschieht es.
Karl Wiechert bezahlt und spendet noch mal so viel dazu.
Einige Wochen vergehen. Da meldet der Pferdepfleger, es gehe nicht mit rechten Dingen zu im Pferdestall. Fast jeden Morgen fehle Häcksel.
Ein junges Mädel, seit kurzem Mitglied der Genossenschaft, will dem Spitzbuben nachts auf dem Boden über dem Stall auflauern. Als alles ruhig geworden ist, nur die Pferde hin und wieder mit den Ketten rütteln und mit den Hufen den Lehmboden stampfen, hört das Mädel, wie sich an der Wand der Futterkammer des Pferdestalls von aussen jemand zu schaffen macht. Sicherlich löst er ein Brett aus der Wand. Dumpfes Schürfen verrät, dass mit einer Schaufel hantiert wird.
Das Mädel beugt sich aus der Luke und erkennt Karl Wiechert.

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"Nun ist's aber genug, Herr Wiechert!" Der Bauer beschwört das Mädel, niemand etwas zu verraten. Doch was hilft's, abermals ist er ertappt worden.
Der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei, dem der Vorstand die Sache nun doch übergeben muss, fragt den Bauern: "Was würden Sie tun, wenn bei Ihnen jemand Futter stiehlt?"
"Den'n wür ik von 'n Hof lüchten!", antwortet Karl Wiechert. "Mit vollem Recht", sagt der ABV. "Und wenn er wiederkommt, um zu klauen?"
"Jo, denn möt sich woll de Polizei oder dat Gericht mit em befoten", entgegnet verstört und beschämt der Bauer. Und er bittet – um den Ernst seiner Worte zu unterstreichen, sagt er es hochdeutsch – "Lassen Sie das Gericht heraus. Ich verspreche es Ihnen, nie wieder soll es vorkommen".
"Sie haben doch nie in Ihrem Leben gestohlen", fragt der Volkspolizist weiter, "warum haben Sie es jetzt auf die LPG abgesehen?"
Der ABV erhält auf diese Frage keine Antwort. Aber eine lange Unterhaltung entspinnt sich zwischen dem, der über Ordnung und Recht zu wachen hat und dem, der gegen Ordnung und Recht verstiess.

   
 

Am Schluss sagt Karl Wiechert: "...und schönen Dank uk för dat, wat Se mi seggt hem'n, dat süht sich nu allens ganz anners an. Ik möt mi dat bloss noch richtig öwerleggen..."
Der Abschnittsbevollmächtigte unterbricht den Bauern und sagt jetzt auf plattdeutsch, so gut er es in den Jahren angenommen hat, die er hier Dienst tut: "Öwerleggen möten Se sich, dat de Buern in de LPG kene annern Minschen sünd as Se un ik. Dat sünd, as Se ener sünd, bloss se sünd all beten wieder as Se un de annern, de noch alleen wirtschaften. Se bugen sich hier 'n Grotbetrieb, 'n ganz modern Grotberieb up, wo de Arbeit leichter is un mihr bringt. Un dor dörp man ehr nich bi hinnern, man möt ehr helpen. Dat öwerleggen S' sich man, Herr Wiechert!"
Ein paar mal hatte in den Wochen danach Karl Wiechert die Absicht, zum LPG-Büro zu gehen und nachzufragen, ob sie ihn in die Genossenschaft aufnehmen, obwohl er die LPG bestohlen hatte. Er schämte sich aber und schob es immer wieder auf. Erst nach Monaten fasste er Mut. Die Vollversammlung ermahnte ihn noch einmal und nahm ihn auf.

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