Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [16]

 

 

Ein Klick öffnet Karten und Bilder.

DIESER GEGNER IST KEIN FEIND
     
 

Ein Altwigshäger Bauer nach dem andern trat der Genossenschaft bei. Bald meldeten sie sich einzeln, bald in Gruppen zu dritt, zu viert oder zu fünft. Ende 1957 gehörte schon weit über die Hälfte der Bauern und damit auch der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Gemeinde zur LPG.
Wer wird jemals beschreiben, mit welchen Gedanken, mit welchem inneren Hader sich jeder der heutigen Genossenschaftsbauern monatelang, vielleicht jahrelang herum geschleppt hatte, ehe er die Skrupel überwand und den Entschluss fasste? In den ersten Jahre hatten einige gesagt: Lieber hänge ich mich auf, als dass ich der LPG beitrete. Es hat sich niemand aufgehängt in Altwigshagen, aber der LPG sind alle beigetreten, und alle kamen aus eigenem Entschluss.
Wie wandelten sich die Menschen in so kurzer Zeit! Die LPG selbst war der beste Werber. Zwar war damals, Ende 1957, Anfang 1958, noch viel zu verbessern in der LPG, aber jeder Bauer reizte, sobald er Mitglied war, den nächsten, der noch seine Einzelwirtschaft besorgte, dadurch, dass er sagte: "Wär' ich doch früher gegangen!" Hans Ewert aus dem Ortsteil Finkenbrück drückte es noch deutlicher aus; er meinte: "Ik künn mi mit'n Homer vör 'n Kopp slogen, dat ik nich ihrer ringohn bün."

  klick
 

Die Genossenschaftsbauern warben aber nicht allein dadurch, dass sie ihre Befriedigung über das neue, schönere Bauernleben kund taten. Sie ärgerten sich darüber, dass sie etwa bei der Getreidemahd vor dem Dunkelwerden nicht fertig wurden mit dem Weizen, weil zwischen den beiden Schlägen der LPG ein schmales Einzelbauernfeld lag, über das der Mähdrescher nicht hinweg gehen durfte, und sie dadurch weniger schafften. Darum sprachen sie dann mit den Zögerern, mit den Zweiflern und "Gegnern" der LPG.
Wenn der Vorstand der Vollversammlung den Anbauplan für das nächste Jahr vorlegte, wetterte mancher, der sonst nicht viel Worte machte, über diesen oder jenen, der ihnen nur unnötige Arbeit bereitete, weil er noch mit seinen zwei Morgen Runkeln dazwischen lag. "Sie kommen ja alle mal zu uns!" Das wurde wohl dutzende Male gesagt. "Warum sie bloss noch warten?" Jeder wird sich früher oder später entschliessen, Mitglied der LPG zu werden – daran zweifelten die Genossenschaftsbauern nicht mehr. Ja, sogar unter den Einzelbauern gab es Ende 1957 nur noch wenige, die ihre Zukunft, des Dorfes Zukunft, nicht in der Genossenschaft sahen oder wenigstens so taten. Zu diesen wenigen Bauern gehörte Willy Lojewski.

  klick
 

1946 hat er die Neubauernstelle bekommen. Er bewohnt ein neues Haus, hat zehn Jahre nach der Bodenreform auf seiner zwölf Hektar grossen Wirtschaft zwei Pferde, genügend Kühe und Schweine, um das Soll zu erfüllen und produziert noch soviel freie Spitzen, dass sein Konto bei der BHG eine beachtliche Höhe erreicht hat.
Als 1953 die LPG gegründet wurde, setzte sich Willy Lojewski in den Kopf, es mit der Genossenschaft aufzunehmen. Es war ein stiller, aber verbissener Wettkampf, in den sich der Bauer eingelassen hatte.
"Ich bin gegen die LPG", sagte Willy damals lieber einmal öfter als weniger. Und wenn jemand nach Altwigshagen gekommen wäre, um einen Gegner der LPG zu suchen, man hätte ihn zu Willy Lojewski gebracht.
Hätte Willy seinen Wettkampf mit der LPG nur auf die Menge der Produkte bezogen, die auf jedem Hektar bei ihm und in der LPG heraus kam, so hätte er bald aufgegeben müssen. Aber es ging ihm um etwas anderes: Er wollte länger existieren mit seiner Wirtschaft als die LPG. In jedem Streit, den es unter den Genossenschaftsbauern gab, witterte er den Zusammenbruch der LPG. Die Zufriedenheit der LPG-Mitglieder war für ihn ebenso Mache, wie er selbst, ohne es sich zunächst einzugestehen, bald nur noch aus Trotz und Furcht vor der Erkenntnis, dass sein Stolz auf den persönlichen Grundbesitz immer wesenloser wurde, von der Überlegenheit des Einzelbauern sprach.

   
 

Willy Lojewski ist Nachbar von Emil Schulz. Emil war schon 1953 in die Genossenschaft gegangen. Willy hatte nicht selten einen Groll auf den Nachbarn, wenn er nach getaner Arbeit auf dem Feld nur noch ein Stündchen in der Hauswirtschaft zu tun hatte, ihn, den Einzelbauern, aber erwartete, was in Haus und Hof der Bauernwirtschaft täglich getan werden musste.
Sieben Jahre lang waren Emil und Willy nach der Bodenreform den gleichen Weg gegangen, Schritt für Schritt. Beide waren tüchtige Bauern und gehörten zu denen, die niemand zu bemitleiden brauchte. Beide hatten Anfang der fünfziger Jahre den Stand erreicht, wo es nicht mehr klar war, wie sie noch weiter hätten voran kommen können. Emil fand den Weg, auf dem es weiter ging. Willy blieb stehen. Vier Jahre blieb er hinter seinem Nachbarn zurück, weil er gegen die Genossenschaft war. Aber nur vier Jahre hielt er durch. Was Worte bei ihm nicht geschafft hatten, das erreichte das Leben der Genossenschaft, das nicht weg zu leugnen und nicht zu übersehen war. Im Sommer 1957 und vor allem in der Zeit, da die Kartoffeln geerntet, die Rüben geköpft und abgefahren und die Äcker für die Wintersaat vorbereitet werden mussten, wo der Bauer sich wünschte, dass der Tag achtundvierzig Stunden hätte, da fand Willy Lojewski in der LPG etwas heraus, was ihn interessierte: In der Genossenschaft bekam jeder Bauer erst einen richtigen Beruf. Der Einzelbauer macht alle Arbeiten der Landwirtschaft, weil sie gemacht werden müssen, und zwar von ihm selbst, von wem denn sonst? Der Genossenschaftsbauer kann sich einer Aufgabe widmen, die ihm lieb ist, für die er die meisten Erfahrungen mitbringt. Er kann Neuland erforschen, kann studieren und probieren. In der Einzelwirtschaft fehlen dazu Zeit und Gelegenheit, und selbst wenn es sie gäbe, wäre der Erfolg für die Katz', weil solche Mühe auf zwölf Hektar und im Stall mit drei oder fünf Kühen nicht lohnt.

  klick
 

Die LPG demonstriert dem Einzelbauern, dass die Wirtschaft von ein paar Hektar mit zwei Pferden, ein paar Kühen und Schweinen, mit einem Haus, einem Stall und einer Scheune doch nicht das selig machende Reich des Bauern sein kann.
Den Ruf eines Gegners der LPG hat Willy im Dorf, aber er hält mehr und mehr zurück mit seinem "Stolz".
1957 im November zieht er die Bilanz seines vierjährigen Wettbewerbs mit der LPG: Die Genossenschaft ist von Jahr zu Jahr gewachsen, nicht nur an Fläche und an der Zahl ihrer Mitglieder; auch die Erträge steigen von Jahr zu Jahr. Und was die LPG gebaut hat! Da ist kein Mitkommen.
Ein anderer Ehrgeiz packt den Bauern: Der letzte will er nicht sein. Willy Lojewski wird Genossenschaftsbauer.
Mochte man ihn jahrelang einen Gegner genannt haben, ein Feind der Genossenschaft musste anders aussehen.
Gibt es denn Feinde im Dorf?
Wo Kampf ist, ist der eine des anderen Feind. Das mag tausendmal wahr sein, aber passt nicht für jenen Kampf, der hier nicht nur zwischen Menschen ausgefochten wird. Hier stehen sich Anschauungen gegenüber und die Kräfte, die sie zeugten.

  klick
 

Die ehemaligen Landarbeiter waren nach der Bodenreform schnell zu echten Bauern geworden. Das Leben und Streben zwischen den Grenzsteinen der Parzellen war zur Gewohnheit geworden, die nicht so schnell der Einsicht weichen wollte, dass der Bauer kein Einsiedler bleiben kann, wo sich die Welt von Tag zu Tag verändert.
Es war einzäher Kampf, in den auch eine dritte Macht eingriff: die Gutsherren von ehedem. Aus ihrem westlichen Eldorado unternahmen sie verzweifelte Störmanöver, mit denen sie auf die vermeintliche Dummheit ihrer früheren Untertanen spekulierten.
Auf Willy Lojewski, den Gegner, der nie ein Feind der LPG war, der nur die Sinne verschlossen hatte vor dem lockenden Glück, auf ihn hofften die Freiherren und die Rittmeister, bis er den Anschluss an die Genossenschaft fand.

   
 

 

   
klick zum nächsten Kapitel klick

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30


© 2012 headkit prod.

Anregungen, Ergänzungen und Kritik ––> info [at] headkit.de