Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [18]

 

 

Ein Klick öffnet Karten und Bilder.

EMIL WIRD POLITISCH
     
 

Was versteht der Bauer von Gurkensalat, er isst ihn mit der Mistgabel – so lautet eine boshafte Redensart, mit der die Lästerzungen, die sie erfanden, nichts anderes meinten, als dass der Bauer keine Ahnung habe, wieviel Schönes es im Leben gibt und was der Mensch aus dem, was uns die Erde spendet, alles machen kann. Eine andere Redensart über den mecklenburgischen Landarbeiter und Bauern sprach von dem einen Ochsen, der vor dem Pflug und dem andern, der hinter dem Pflug ging. Der Bauer war der Tölpel, der von nichts, was Bildung, Kultur oder Politik hiess, etwas wusste oder verstand.
Diese Zeit ist vorbei: Unsere Genossenschaftsbauern besuchen heute Schulen, sie studieren, sie gehen ins Theater und sie machen Politik.
Emil Schulz ist seit 1953 Mitglied der LPG. Es war das erste Mal, dass er irgendwo Mitglied wurde. Die LPG ist ja keine Partei, hatte er überlegt, als er seiner Frau nachgab und der Genossenschaft beitrat. Einer Partei würde er nie beitreten! Mit der Politik wollte er nichts zu tun haben. Wenn der Bauer anfängt, sich um Politik zu kümmern, verlottert die Wirtschaft, das war sein Wahlspruch. Versammlungen besuchte er nur, wenn es um etwas ging, was mit der Landwirtschaft zu tun hatte. Wenn sie dann da von Frieden und Demokratie, von Imperialisten und andern "...isten" sprachen, hörte er nur halb hin.

  klick
 

Eine Versammlung allerdings hatte ihm gefallen. Es war sogar eine rein politische Versammlung gewesen, zu der er gegangen war, weil niemand gesagt hatte, was da los wäre. Zehn Jahre ist es bald her. Damals sprachen sie in der Versammlung davon, dass die Deutsche Demokratische Republik gegründet worden war, ein neuer deutscher Staat. Die Arbeiter und die Bauern sollten den Staat leiten.
Das war gerecht: Die Arbeiter und die Bauern sollten den Staat regieren. Er war auch Bauer, aber was konnte er da schon mitreden, das müssten Klügere tun!
Dann kamen sie ihm mit Funktionen in der Genossenschaft. Er hatte nicht mehr nur an seine eigene tägliche Arbeit zu denken, sondern sollte mitentscheiden, welche nächsten Schritte die LPG zu tun hätte.

   
 

Emil Schulz hat von dem Tag an, da er Neubauer wurde, immer schon heute an morgen gedacht, und in dem einen Jahr plante er für das nächste. So war seine Wirtschaft gewachsen, nie hatte er sich und der Wirtschaft Ruhe gegönnt. War etwas fertig, begann er Neues. In der Genossenschaft übertrug sich sein Plänemachen auf die grössere Gemeinschaft. Anfangs gehörte er zur Feldbaubrigade, dort entschied er mit, wie die Arbeit verteilt und organisiert werden sollte. Dann ging er in die Tierzuchtbrigade in den Kuhstall. Er arbeitete nicht nur für seine Arbeitseinheiten, sondern er half in der Brigade ständig mit, dass es besser gemacht würde.
Emil ist mit Leib und Seele Bauer. Seine Welt ist aber nicht mehr die enge Bauernwirtschaft, seine Welt ist die Genossenschaft.
Es ist noch kaum ein Jahr her, da kam ihm etwas in den Sinn. Beim Zeitung lesen war es. Irgendein Artikel brachte ihn drauf: Warum sind manche Leute in Westdeutschland so wütend auf den Sozialismus, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufgebaut wird? Emil suchte nach einer Antwort. Gerhard Jugert, der Parteisekretär, sagte sich Emil, der kennt sich doch aus. Den werd' ich fragen.

  klicl
 

Der Parteisekretär machte ein nachdenkliches Gesicht, als Emil ihn fragte. Sozialismus, sagte er, das sind die Arbeiter und Bauern und die Intelligenz ohne Gutsbesitzer und Kapitalisten. Wo die Gutsbesitzer und die Kapitalisten verjagt wurden, da wollen sie wieder hin. Sie schimpfen ja nicht nur auf unseren Sozialismus und auf uns alle hier, sondern sie möchten uns am liebsten davon jagen und wieder Rittergüter und kapitalistische Betriebe machen.
"Unsere Regierung passt aber auf, dass es nicht soweit kommt", fiel Emil dem Parteisekretär ins Wort.
"Das schon", antwortet Gerhard Jugert, "aber was kann die Regierung tun, wenn nicht alle aufpassen? Kann die Regierung aufpassen, dass bei uns keiner Fahnen runter reisst und vielleicht noch Schlimmeres tut? Die da drüben in Westdeutschland die Politik bestimmen, wollen uns doch schädigen, wo sie nur können. Sie wissen nämlich, dass sie immer weniger Aussichten haben, hier wieder her zu kommen, je schneller wir in unserer Republik voran kommen".
Emil begnügte sich nicht damit, er fragte den Parteisekretär noch dies und das, und am Schluss sagte er lachend: "Ja, nun staunst du wohl, Gerhard, dass ich mit einem Mal politisch geworden bin?"
"Politisch warst du schon immer", antwortete Jugert.

  klick
 

"Nee, nee, von Politik wollte ich früher nichts wissen."
"Das ist die schlimmste Politik", sagte der Parteisekretär, "wenn sich die Arbeiter und die Bauern nicht um Politik kümmern..."
"Das war früher wohl so", meinte Emil, "aber unsere Regierung heute macht schon die richtige Politik, und die da drin sind, sind auch viel klüger als wir".
Man kann ja nicht endlos auf der Dorfstrasse stehen und reden. Die Arbeit drängte, Emil und Gerhard mussten sich trennen. Doch wenige Tage darauf knüpften sie da wieder an, wo sie das Gespräch abgebrochen hatten. Diesmal war es der Parteisekretär, der den Bauern anhielt. Emil merkte, dass Gerhard eine Neuigkeit haben musste. Der Parteisekretär strahlte über das ganze Gesicht und hielt ein "ND" in der Hand.
"Emil, ich hab' dir 'ne Zeitung mitgebracht", sagte Jugert.

   
 

Emil hatte wenig Zeit, er musste auf die Koppel zum Melken. "Erst die Arbeit, dann die Politik", sagte er.
An diesem Tag stand in allen Zeitungen ein Aufruf der Nationalen Front. Der Nationalrat rief zur Wahl der Volkskammer auf. "Plane mit – arbeite mit – regiere mit!", stand in grossen Buchstaben über dem Aufruf.
"Aber nachher sieh dir das mal an, auf der ersten Seite!", rief Gerhard dem Melker zu, als er sich auf sein Rad schwang, und klemmte ihm die Zeitung unter den Arm. "Du wirst schon wissen, was ich meine, von wegen mitregieren und so..."
Emil liess sich nicht aufhalten. Er drehte sich nur noch einmal um und rief lachend zurück: "Aber erst die Kühe melken und dann regieren!"

   
 

 

   
klick zum nächsten Kapitel klick

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30


© 2012 headkit prod.

Anregungen, Ergänzungen und Kritik ––> info [at] headkit.de