Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [19]

 

 

Ein Klick öffnet Karten und Bilder.

DARAUF EINEN SCHNAPS!
     
 

Als die LPG Altwigshagen 1953 gegründet wurde, war dem damaligen Vorsitzenden zumute wie einem Pferdekutscher, der sein Lebtag ein Gespann mit der Leine gelenkt hat und urplötzlich auf ein Lastauto gesetzt wird, um mit ihm die Milchkannen zur Molkerei zu fahren. Da war der neue, grössere Betrieb, der einen Lenker brauchte, einen, der dirigierte und ordnete, nicht nur für einen Teil des Ganzen dachte, sondern für alles. Von den sieben Bauern, die die Genossenschaft gründeten, hatte keiner jemals so etwas getan. Auch Hermann Scheel, der Vorsitzender wurde, hatte keinen Führerschein für die Leitung einer LPG. Er wurde an das Lenkrad gesetzt und steuerte den Wagen auf seinen ersten Wegen. Wie sollte es da nicht Havarien geben und Pannen?
Als dann die Genossenschaft ein paar Jahre bestand, gab es schon Erfahrungen aus der eigenen LPG und aus anderen, man konnte Bücher und Zeitungsartikel lesen über die beste Art, einen landwirtschaftlichen Grossbetrieb zu leiten. Das tat nicht nur der Vorsitzende, nicht nur er überlegte, wann schnell und wann langsam, wann rechts und wann links zu fahren war. Und wenn es in der Vollversammlung oder auf der Dorfstrasse in der Form einer bissigen Schimpfkanonade geschah, durch ihr Wort, ihre Kritik, ihre Forderungen und Vorschläge halfen die Mitglieder, Hindernissen auszuweichen und ohne Achsenbrüche auch mit hoher Geschwindigkeit manche Kopfsteinpflasterstrasse hinter sich zu bringen.

  klick
 

Doch Jahre hindurch war es mehr oder weniger zufällig gewesen, dass die einzelnen Mitglieder in die Leitung der Genossenschaft eingriffen. Mit Johann Gromzik als neuem Vorsitzenden wurde der Vorstand und die Revisionskommission der ständige Kopf des grossen Kollektivs, der Entscheidungen fällte oder für die Vollversammlung vorbereitete, prüfte und Weisungen gab.
Die VI. Konferenz der Vorsitzenden und Aktivisten der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften unserer Republik gab den Delegierten der LPG Altwigshagen den ausschlaggebenden Hinweis dafür, wie alle Mitglieder ständig an der Leitung teilnehmen können. Eine der ersten Vollversammlungen nach der VI. LPG-Konferenz wählte Kommissionen: die Kommission für Acker- und Pflanzenbau, die Kommission für Grünlandwirtschaft und Melioration, die Kommission für Viehwirtschaft, die Sozial- und Kulturkommission, die Normenkommission, die Baukommission und die Kommission für Arbeits- und Brandschutz. Mit der Revisionskommission sind das acht Kommissionen mit durchschnittlich je drei Mitgliedern. Sich in solcher Arbeit zurecht zu finden und etwas Nützliches zu tun, geht nicht im Handumdrehen. Die Mitglieder müssen jetzt lernen, was auch ausserhalb ihres engen Arbeitsbereiches in der LPG vor sich geht, wie Mängel zu erkennen und zu beheben sind. Bis so etwas in Gang kommt, braucht es Zeit. Aber es kommt in Bewegung.

  noklick
 

Die praktischen Erfahrungen aller Mitglieder, alles Wissen der Einzelnen, in geordneter Weise zusammengetragen und gepaart mit dem Willen, heute mehr als gestern, morgen mehr als heute zu erreichen, das ist das Geheimnis der unerschöpflichen Kraft, die unsere Genossenschaft immer aufs neue auch in schwierigen Situationen an den Tag legt. Doch wer sagt ihnen, wie alles zu ordnen ist, wie, in welcher Richtung der tägliche Kampf um das Morgen-mehr-als-heute zu führen ist? Die Altwigshäger haben oft genug erfahren, dass die Partei der Arbeiterklasse, deren Organisation in der LPG heute vor allen wichtigen Entscheidungen den Weg weist, stets nur die Wahrheit gesagt und den richtigen Rat gegeben hat.
Ja, die Genossenschaft ist heute eine Kraft, eben weil ihre Mitglieder von dem Weg wissen, den ihnen die Sozialistische Einheitspartei gewiesen hat, den sie sicheren Fusses beschreiten und auf dem sie schon ein gutes Stück voran gekommen sind.
Wer Augen im Kopf hat, der muss das sehen. Wer allerdings das Tageslicht scheut, wer nur im Dunkeln hinschaut, bemerkt es nicht. Er sieht nicht, wie die Fluren der Genossenschaft grünen und wie die Menschen in der Genossenschaft stolzer und kühner und klüger werden, wie sich neben die Alten, die ihre von Jahrzehnten der Plage und Pein gekrümmten Rücken mit in den neuen Abschnitt des Lebens schleppen müssen, eine selbstbewusste, stolze Generation junger Genossenschaftsbauern stellt und alt und jung das sozialistische Dorf erbauen.

  klick
 

Sie, die Tagscheuen, sind an einer Hand zu zählen. Aber sie sind noch nicht ausgestorben. Wie sie das Licht fliehen, fürchten sie auch die offene Rede von Angesicht zu Angesicht, sie flüstern und zischeln sich ins Ohr, was kein anderer hören soll. Nur der Alkohol löst dann und wann ihre Zungen und Stimmbänder.
"Kaffee siebzig" ist eine Dorfgaststätte an der Kreuzung der Fernverkehrsstrasse Anklam – Pasewalk mit der Chaussee, die von Ueckermünde kommt und sich im Damm nach Altwigshagen fortsetzt. Der originelle Name der heutigen HO-Gaststätte (nicht der offizielle, aber jeder in der Umgegend nennt den Krug so) stammt aus der Zeit eines Gastwirts, der vor längerer Zeit einmal statt der üblichen achtzig Pfennig nur siebzig Pfennig für das Kännchen Kaffee nahm. "Kaffee siebzig" bietet Fernfahrern einen Imbiss, lädt Touristen zur Rast ein, ist aber auch – vorläufig noch, bis das Kulturhaus fertig ist – die einzige Stätte in der Gemeinde, wo auch die Genossenschaftsbauern einmal einkehren können, um die verstaubten Kehlen zu erfrischen. Man ist nicht überrascht, hier Bekannte aus der Umgebung zu treffen: Wer aus der Stadt kommt, hat schnell einmal die Klinke von "Kaffee siebzig" in der Hand. Und Stammgäste – wann trifft man die nicht im Lokal?

   
 

Hermann Scheel, der, seit Johann Gromzik LPG-Vorsitzender ist, die Feldbaubrigade im Altwigshäger Teil der Genossenschaft umsichtig und erfolgreich leitet, geht eines Tages im Vorbeifahren auf einen Schluck ins "Kaffee siebzig".
"Tag, Hermann", begrüsst ihn ein Bauer aus Louisenhof, einem Nachbardorf, "na, wie geht's denn mit eurer Genossenschaft?"
Hermann schüttelt dem Bauern die Hand. "Wie soll's gehen, gut geht's, hast du was anderes gedacht? Mit der Frühjahrsbestellung sind wir bald fertig, noch die Kartoffeln auf dem Individuellen, und heute gerade hat die MTS mit der neuen Maislegemaschine angefangen. Zwei, drei Tage, dann ist auch das geschafft, dann fehlt uns bloss noch der Regen."
"Da seid ihr aber gut voran gekommen auf der LPG", sagt der Louisenhöfer. "Wenn ich noch dran denke, wie es in den ersten Jahren bei euch aussah..."
Hermann Scheel setzt sich zu dem Bauern aus dem Nachbardorf, und beide sprechen weiter über die LPG.

  klick
 

Am Nebentisch ist es laut. Ulrich Roeser sitzt da mit ein paar anderen und lässt zusammenhanglose Laute die Zunge herunter rollen. Als er aber die Bauern von der LPG sprechen hört, findet er einen Sinn für sein Gerede: "Ach, ihr mit eurer LPG, das ist alles Mist! Ihr habt..., ihr habt ja alle keine Erfahrung..., keine Erfahrung habt ihr." Er macht eine Bewegung mit der Hand, die gerade ein Schnapsglas abgesetzt hat, als wolle er die LPG hinweg fegen. "Ihr habt ja keine Leute, die was verstehen... Ihr seid alle dumm, Dummköpfe seid ihr alle..."
Roeser war früher Oberinspektor, einer von denen, die der gnädigen Frau die Hand küssten und den Tagelöhnern das Mark aus den Knochen trieben. Am liebsten würde Hermann ihm eins auf das dreckige Maul geben. Aber meine Hand ist mir zu schade, den anzurühren, überlegt der Brigadier; verdient hat er trotzdem eins, vielleicht auf eine andere Art!
"Sag mal", wendet sich Hermann Scheel an den Exoberinspektor, "wie war denn das möglich, dass Herr von Borcke damals achtundzwanzig Pleite gemacht hat? Da warst du doch Oberinspektor!"

   
 

Roeser findet nicht gleich Worte, Hermann Scheel lässt ihm auch keine Zeit. "Und wie war das möglich, dass der ganze Horst da oben ein einziges Feuerblumenmeer war, und Beifussstauden – Männerhöhe? Wie war es möglich, dass der ganze Schlag sechs und Schlag sieben so verqueckt waren, dass euch die Quecke beinahe in die Nasenlöcher gewachsen wäre? Da warst du doch Oberinspektor! Unser Vorsitzender ist ein ehemaliger Landarbeiter, die Brigadiere sind ehemalige Landarbeiter und Bauern, unser Agronom ist zwar jung, hat noch wenig Erfahrung, aber gelernt hat er was. Weisst du, was wir im letzten Jahr auf Schlag sieben mit Bodenklasse neun geerntet haben? Fünfzehn Zentner Gemenge auf den Morgen. Fünfzehn Zentner! Das hat's auf diesem Boden in Gutszeiten nie gegeben. Aber ihr auf dem Gut, ihr habt die Leute geschunden, dass sie nicht mehr kriechen konnten, und Pleite gemacht habt ihr trotzdem. Da warst du doch Oberinspektor! Und du wagst es, die LPG schlecht zu machen?"
Das hat gesessen. Roeser kapituliert. Die Nase hat der Schnaps gerötet, jetzt glüht sein ganzer Kopf vor Wut. Er stürzt an die Theke, kippt sich noch einen Schnaps hinter, bezahlt und sucht das Weite ohne ein Wort.
"Darauf müssen wir einen trinken", sagt der Louisenhöfer Bauer und prostet dem Brigadier zu. Alle im Lokal prosten mit.

  klick
 

 

   
klick zum nächsten Kapitel klick

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30


© 2012 headkit prod.

Anregungen, Ergänzungen und Kritik ––> info [at] headkit.de