Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [2]

 

 

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DIE SAGE VOM GALGENBERG   karte
       
 

Auf dem Galgenberg spukt es um zwölf in mondhellen Nächten. Alte Leute in Altwigshagen wissen es von ihren Müttern und Grossmüttern.
Wer, vom Bahnhof Borckenfriede oder von der Chaussee Pasewalk-Anklam kommend, nach Altwigshagen geht, muss am Galgenberg vorüber. Rechts, vor den ersten Häusern des alten Strassendorfes, liegt eine kleine Anhöhe. Ein gutes Dutzend schlanker Kiefern überragt einen meterdicken toten Stamm der gleichen Art. Der Stamm hat bis vor kurzem zwei starke, nach unten geneigte Äste getragen; ihre knorrigen Ansätze sind noch zu sehen. Der Stamm sieht aus, als wäre er der stehen gebliebene Rest eines Mammutbohrers, den einst ein Riesenwesen in das Erdreich zu drehen versucht hatte. Das ist der Galgenberg von Altwigshagen.
Wie die meisten Spukgeschichten, die man sich in Dörfern erzählt, hat auch die Sage vom Altwigshäger Galgenberg etwas mit dem Gutsherrn zu tun, mit einem Vorgänger des letzten, des allerletzten Junkers von Altwigshagen, des Rittmeisters von Borcke. Die Sage berichtet, warum die Kiefer in alten Zeiten ihre Gestalt verzerrte und ihre Äste erdwärts bog; aus Zorn und aus Trauer um einen jungen Menschen, der unter ihrer Krone sterben musste.

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Als der Baum noch prall von harzigem Saft war, liess der Gutsbesitzer an seinen Ästen ein Tagelöhnermädchen aufhängen. Das Mädchen hatte sich ihm widersetzt. Der Gutsherr war Richter. Reckte Johann einmal sein Rückgrat oder weigerte sich Marie, ins Herrenbett zu steigen, so konnte sich der Adlige zu ihrem Henker machen.
Jeder im Dorf wird gewusst haben, dass die blutjunge Tagelöhnertochter unschuldig starb. Doch die Tagelöhner waren, einer wie der andere und alle wie das gehenkte Mädchen, der Willkür des Herrn ausgeliefert. Begraben durften sie das Mädchen nicht. Wer die Tote trotzdem des Nachts vom Baum nahm, das soll niemals jemand erfahren haben.
Die Kiefer wand sich, als klage sie den Mörder an, und sie neigte ihre Äste über der Stätte der grausigen Tat.
In mondhellen Nächten spricht das Mädchen aus der Erde unter dem Baum noch heute zu den Lebenden: He zwingt mi nich..., he zwingt mi nich...

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Das ist die Sage. Wer weiss, wie die Kiefer zu ihrer Verzerrung kam? Vielleicht war es der Sturm, der von Westen über die Grosse Wiese kam und ihre Krone Zoll um Zoll um den Stamm drehte, bis das Holz die absonderliche Form annahm und die Äste , von der Gewalt des Windes gezwungen, sich wider ihren natürlichen Trieb zur Erde wandten. Die Dorfarmen aber, die Kinder und Kindeskinder der Zeitgenossen jenes unvergessenen Mädchens, setzten dem Opfer der Herrenwillkür ein Denkmal, dauerhafter und ehrlicher als psalmgezierte Grabsteine über den verwesenden Schädeln blaublütiger Gutsbesitzer: die Sage von der Mordtat auf dem Galgenberg.
Ihres abergläubischen Beiwerks entledigt, wird die Sage fortleben. Die Altwigshäger, die heute Herren ihrer Felder und Wälder, ihres Viehs und ihres eigenen Lebens sind, überliefern sie ihren Kindern, die in den Frühling der Menschheit hinein wachsen. Nie soll vergessen werden, dass vor unserer Zeit eine andere Zeit war, da es Herren und Knechte gab.

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