Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [21]

 

 

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DIE ROTE LATERNE
     
 

Ende April sollen die Kartoffeln gepflanzt sein. Früher sagte man:
"Legst mich im April,
komm' ich, wann ich will.
Legst mich Anfang Mai,
komm ich glei'."

Professor Schick aber sagt heute: Je früher die Kartoffel in den Boden kommt, desto höher sind die Erträge. Genossenschaftsbauern halten von der Wissenschaft mehr als von alten, widerlegten Bauernregeln. Deshalb sollten die Kartoffeln der LPG Altwigshagen noch bis zum 1. Mai gepflanzt sein.
Der Rat des Kreises Ueckermünde registrierte die Frühjahresbestellung im Kreis und achtete sorgsam darauf, dass besonders die Termine für Kartoffeln und Mais von allen Genossenschaften eingehalten wurden.
Am 2. Mai ist Altwigshagen mit den Kartoffeln aber noch nicht fertig.
"Ihr habt die rote Laterne, Johann... Ha, ha, Altwigshagen, unsere grösste LPG, mit der roten Laterne!" Der Sekretär der Kreisleitung der SED für den MTS-Bereich Ferdinandshof, Genosse Behn, lacht den Vorsitzenden aus.
"Weisst du auch, woran das liegt?" Johann Gromzik will die LPG verteidigen.
"Ja, ich weiss, woran das liegt", erwidert Behn.

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"Da schau", fährt Johann fort und zeigt auf die Felder, die nach Wilhelmsburg hin liegen, "da ist jetzt dräniert worden. Da liegt noch lauter Gerümpel, Rohre und so, wie können wir da..."
Der Sekretär der Kreisleitung unterbricht den Vorsitzenden: "Moment mal", sagt er und greift in seine Umhängetasche, für den Motorradfahrer ein praktisches Behältnis für Aufzeichnungen, Pläne und alles, was der Parteisekretär des MTS-Bereichs täglich bei sich haben muss. "Moment mal", wiederholt er. Er hat den Zettel mit den letzten Meldungen gefunden. "Ihr hattet bis gestern viel grössere Rückstände beim Kartoffelpflanzen, als die paar Morgen mit der Dränage ausmachen."
"Heute wird alles andere fertig", sagt Gromzik, "bis auf das mit der Dränage".
"Aber die rote Lampe habt ihr, Johann, ihr seid die letzten im Kreis. Von den paar Morgen will ich nicht sprechen, alles andere aber hättet ihr fertig haben können." Der Sekretär zeigt zum MTS-Stützpunkt hinüber und wird heftiger im Ton: "Da auf dem Stützpunkt, da steht die Kartoffellegemaschine. Was meinst du, wozu sie da ist? Sie steht. Ihr aber legt die Kartoffeln mit der Hand. Ist das in Ordnung, Genosse Gromzik?"

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Der Vorsitzende will noch Gründe nennen, warum mit der Hand gepflanzt wird. Er druckst und findet nicht recht Worte. Sein gutmütig-heiteres Lächeln weicht einer Spannung, die das ganze Gesicht überzieht. Schliesslich sagt er: "Du hast recht, Genosse Behn!" Seine Augen haben wieder ihr natürliches Lachen. "Wir haben..., ich hab' das nicht richtig überlegt."
"Die MTS-Brigade ist dir unterstellt, Vorsitzender, du musst sie einsetzen, wie es notwendig ist. Die Maschinen sollen euch die Arbeit doch leichter machen. Macht's gut, Johann! Und hängt die rote Laterne ab!"
Der Sekretär verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck, schliesst die Umhängetasche, tritt seine "MZ" an und verschwindet in einer gelbgrauen Staubwolke, die sich in der warmen Frühlingsluft langsam wieder auf die Dorfstrasse niederlegt.

   
     
 

Prof. Dr.Schick, Institut für Pflanzenzüchtung Gross Lüsewitz der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften. 

   
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