Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [22]

 

 

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"KINDER, ALLES UNSRE GELDER!"
     
 

Am liebsten möchte Johann Gromzik oftmals selbst mit zupacken, wenn die Arbeit brennt. Als Vorsitzender einer Genossenschaft mit 146 Mitgliedern und über 1300 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche hat er jedoch andere Pflichten: Er muss alles übersehen, die Arbeit organisieren, Menschen leiten und, wenn nötig, sie erziehen.
Er ist ein beliebter Vorsitzender. Nicht, dass er jedem recht gäbe und sich mit niemandem stritte. Aber er bleibt immer der gute, erfahrene Freund, der den anderen überzeugen will. Macht einer einen Fehler, so muss man ihm erklären, was er anrichtet und ihm zeigen, wie er es besser machen kann – das ist Johanns Grundsatz.
Die kleinen Augen des Vorsitzenden, die unter dem kurz gestutzten ergrauenden Haar hervor blicken, behalten bei Freude und Ärger immer ihren warmen, ruhigen Ausdruck. Leichte Falten zeichnen ein gutmütiges Lächeln in sein Antlitz. Er liebt die Menschen, liebt vor allem die Kinder, er liebt die Arbeit und er liebt die Genossenschaft.
Arbeitet irgendwo eine Gruppe Genossenschaftsbauern und einer sagt: "Kinder, alles unsre Gelder!" dann weiss jeder, dass der Vorsitzende in der Nähe ist. Das sei sein Schlagwort, sagt man. In der Tat, Johann prägte dieses Wort und gebraucht es wohl ein paarmal am Tag, aber es ist mehr als ein Schlagwort.

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Da kam er eines Tages dazu, wie zwei Genossenschaftsbauern mit der Pferdehacke in den Rüben waren und, ohne sich die bearbeiteten Rübenreihen anzusehen, drauflos hackten. Johann sah sich die Reihen an uns schimpfte, nicht laut und polternd, sondern auf seine Art, wie es niemand nach machen kann. "Nicht so schnell müsst ihr die Pferde gehen lassen!", sagte er. "Ihr hackt ja alle Rüben weg, seht euch den Schaden mal an!"
"Die Norm, Johann...", antworteten beide wie aus einem Munde. "Die Norm hackt keine Rüben 'raus", entfuhr es dem Vorsitzenden. "Aber drei Hektar, da muss man sich 'ranhalten", meinte einer der Bauern.
"Kinder, das sind doch alles unsre Gelder!", musste Johann auch ihm sagen. Wenn der Vorsitzende mit seiner Formel kommt, behält er recht, so lange man auch mit ihm diskutiert. "Ihr rechnet jetzt bloss mit der Arbeitseinheit, die ihr angeschrieben bekommt", fuhr Johann fort, "aber denkt doch auch mal daran, wovon ihr die bezahlt kriegt! Wir wollen in diesem Jahr mit der AE über die sieben Mark kommen. Die Rüben, die ihr hier weghackt, können wir nicht verkaufen, weil sie nicht wachsen. Das Geld wird uns fehlen, und bei der Jahresabrechnung macht ihr dann dumme Gesichter."
"Na ja", meinte einer der Übeltäter, "so viele haben wir ja gar nicht weg gehackt."

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"Und wenn's nur ein paar sind! Auf jede Rübe kommt es an. Was nützt es euch, wenn ihr die Genossenschaft betrügt, nur um heute ein paar Groschen mehr zu verdienen? Ihr gehört doch mit zur Genossenschaft wie jeder von uns. Wer die Genossenschaft betrügt, betrügt sich selbst und die anderen mit." Der Vorsitzende sah den beiden nach, wie sie die Pferde antrieben, um ja nicht langsamer zu werden, aber dennoch saubere und voll bestandene Rübenreihen hinter sich liessen.
Um die Rübenpflege gab es in der LPG Altwigshagen jedes Jahr Streit. Wer aus den Feldbaubrigaden sollte in die Rüben? Darum ging es. Keiner wollte gern an diese Arbeit. Wer aber schon ohne Interesse und mit Unlust zu arbeiten beginnt, der liefert kein gutes Werk. Verziehen und Hacken dauerte meist sehr lange, und sauber waren die Rübenschläge dennoch selten.
Der Vorstand hatte in diesem Jahr darüber zu beraten, wie das geändert werden sollte. Der Verziehkarren stand zur Diskussion.
"Eine gute Sache ist das", sagte Johann Gromzik, "trotzdem bin ich dagegen, dass wir ihn einsetzen. Wir können nämlich nicht jeden drauf setzen." Johann erzählte, was er im vorigen Jahr erlebt hatte.

   
 

Er ging einem Rübenverziehkarren nach, der mit meist jüngeren Mitgliedern besetzt war. Die Besatzung des Karrens bemerkte ihn nicht. Er sah sich die Reihen an, über die der Karren schon hinweg war. Viele Reihen waren schlecht verzogen: Die meisten Rüben standen noch. Die erzählen sich Geschichten und Witze und kümmern sich gar nicht darum, wie die Reihen aussehen, dachte Johann. Schon ein ganzes Stück war er dem Karren gefolgt. Da räusperte er sich, um sich bemerkbar zu machen. "Kinder, alles unsre Gelder!", hörte er leise vom Karren her. Nach einer Weile prüfte er die Reihen: Plötzlich war keine Rübe zu viel und keine zu wenig verzogen. "Braucht ihr denn einen Aufseher hinter euch?", fragte der Vorsitzende. Die Jugendlichen hatten ihn verstanden, schon, als er sich räusperte.
So etwas war öfter vorgekommen. Der Vorstand liess deshalb die Rübenverziehkarren im Schuppen stehen und beschloss, dass die Rüben auf die alte, schwere Art verzogen werden: auf den Knien. Aber es musste ein Weg gefunden werden, mit den Rüben schneller fertig zu werden. Der Vorstand schlug der Vollversammlung vor, dass jedes Mitglied der LPG zwei Morgen Rüben in persönliche Pflege nähme und als Prämie im Herbst für je zwei Morgen 15 Zentner Runkel ausgegeben werden.
Die Parzellen, die jeder in persönliche Pflege zu nehmen hatte, wurden verlost. Und dann begann ein Wetteifern wie nie zuvor in der LPG. In wenigen Tagen waren die Rüben verzogen.
Aber allen schmerzten abends die Knie, und im Schuppen standen die Verziehkarren.

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Mit dem frohen Bewusstsein, über neue gute Erfahrungen berichten zu können, folgte Johann Gromzik wenige Tage, nachdem die MTS Ferdinandshof dem Rat des Kreises und der Kreisleitung gemeldet hatte, dass die LPG "Fortschritt" als erste im MTS-Bereich die Rüben sauber habe, einer Einladung des Büros der Kreisleitung und Kreistagsabgeordneter. Die Partei und die staatlichen Organe schätzen seine Erfahrungen, und sie helfen ihm bei seiner schweren Aufgabe.
In der Bürositzung wird Johann aufgefordert, über die Pflegearbeiten der LPG Altwigshagen zu berichten. Er spricht über den Beschluss der Vollversammlung, über den Schwung mit dem die Altwigshäger in diesem Jahr mit dem Rübenverziehen fertig geworden sind.
"Das hättet ihr sehen müssen, Genossen", sagt er, "wie unsere Mitglieder dabei gewesen sind. Manche hatten nicht nur zwei, sondern drei und vier Morgen in persönliche Pflege genommen. Melker und Schweinepfleger, Agronomen und Brigadiers, alle haben mit gemacht. Das war eine Freude, wie sie ran gingen." Johann spricht nicht vom Rübenverziehkarren, der im Schuppen stand. Wenn sie danach fragen, denkt er, wird er erzählen, was er im vorigen Jahr erlebt hat.

   
 

Da ist schon die Frage. Die Rüben in persönliche Pflege der Mitglieder geben ist eine gute Methode, aber beim Verziehen braucht man durchaus nicht auf den Karren zu verzichten.
Der LPG-Vorsitzende berichtet vom vorigen Jahr.
Ein Mitglied des Büros fragt: "Habt ihr so viele Arbeitskräfte?"
Johann versteht nicht gleich die Frage; denn mit dem Verziehkarren braucht man fast ebenso viele Arbeitskräfte wie beim Verziehen ohne Karren. Natürlich fehlt es in Altwigshagen an Arbeitskräften. Wieviel Jugendliche aus der Gemeinde in den letzten Jahren nach der Schulentlassung nicht in die LPG gekommen sind, sondern andere Berufe erlernt haben, ist die nächste Frage. Genosse Gromzik kann das nicht genau sagen, aber ein paar sind es. "Die Jugend will lieber in die Stadt", sagt er.
"Weil ihr die Arbeit in der LPG nicht leicht genug macht", ist die Antwort. "Welcher Vater rät seinem Jungen, einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen, wenn die LPG nichts mit der Technik zu tun haben will?"

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Das sei nun doch nicht wahr, meint Johann Gromzik. "Wir wünschten, wir hätten noch mehr Maschinen..."
"...damit ihr sie in den Schuppen stellen könnt!"
Johann erklärt noch einmal, dass noch nicht alle Mitglieder das Bewusstsein hätten, auch auf dem Verziehkarren saubere Arbeit zu leisten.
Die Genossen im Büro der Kreisleitung wissen, dass Johann Gromzik kein Verächter der Technik ist. Die Parteiorganisation seiner LPG hat gemeinsam mit dem Vorstand schon viel erreicht, um auch solchen Mitgliedern, die in ihrer individuellen Wirtschaft gut zu arbeiten verstehen, in der genossenschaftlichen Arbeit aber nur eine unumgängliche Pflicht sehen, bewusst zu machen, dass die Produktion der LPG die Hauptsache ist. Trotzdem übt das Büro der Kreisleitung Kritik am Genossen Gromzik. Die Partei will ihm helfen.
Recht haben die Genossen, überlegt sich Johann auf dem Heimweg. Die Technik allein wird es nicht machen. Mensch und Technik müssen zusammenpassen, dann taugt die Technik erst richtig, und der Mensch hat es leichter.

   
       
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