Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [23]

 

 

Ein Klick öffnet Karten und Bilder.

STREIT IN DEMNITZ
     
 

Dem Leser ist aus unserer Schilderung bekannt, dass die LPG "Fortschritt" zwei Feldbaubrigaden hat, eine in den Ortsteilen Altwigshagen, Borckenfriede und Finkenbrück und die andere im Ortsteil Demnitz. Die Brigaden sind nicht nur die ständigen Arbeitskollektive der Genossenschaftsbauern, sondern in diesen Kollektiven finden sie sich auch zum engeren Miteinander zusammen. Sie kennen sich alle seit Jahren, viele seit Jahrzehnten. Im Dorf weiss auch jeder von den Schwächen und Vorzügen des anderen. Was scherte es aber früher, vor der Zeit der LPG, den einen Bauern, was der andere in seiner Wirtschaft machte? Sie lebten und arbeiteten alle neben einander her. Der Genossenschaft traten sie bei, weil sie dem Bauern das Tor in eine schönere, glückliche Zukunft öffnet. Nun arbeiten Menschen mit all ihren Schwächen und Fehlern in einem Kollektiv zusammen; der Heftige, Impulsive, leicht Reizbare mit dem Sanften und Ruhigen, der Gleichgültige, den nichts erschüttert, mit dem, der sich mit nichts zufrieden gibt, der die Unruhe und Strebsamkeit in Person ist, der Träge mit dem Fleissigen, der Suffkopp mit dem Soliden, der Gewitzte, Schlaue mit dem bescheidenen Dulder, das Lästermaul mit dem Schweigsamen, das spritzige, unbedachte Mädel mit dem lebenserfahrenen Siebziger...

  klick
 

Die gemeinsame Arbeit verbindet sie alle. Oft genug kommt es allerdings vor, dass die Meinungen aufeinander prallen. In seiner Einzelwirtschaft hätte es früher der eine so, der andere anders gemacht.
Ernst Helm war lange Zeit Feldbaubrigadier in Demnitz. Er kennt sich in der Landwirtschaft aus, und – wie man so sagt – er weiss, was er will. Als Brigadier liess er sich nicht gern raten. Und mit Ernst in Streit zu kommen, war eine unangenehme Sache. Ein unbedachtes Wort, das seinen Ehrgeiz traf, liess ihn explodieren. Vielleicht gerade deshalb sagte lange Zeit niemand etwas dazu, dass er manchmal Fehler bei der Brigadeabrechnung machte oder auch bei der Einteilung der Arbeit. Doch hatte man nicht das Recht, auch den Brigadier zu kritisieren?
In einer Brigadeversammlung traf es ihn schwer. Die Mitglieder der Brigade und der Vorstand der Genossenschaft wollten mit ihm beraten, wie die Arbeit der Brigade verbessert werden konnte. Ernst war das zuviel. Er polterte los und lehnte es ab, die Brigade weiter zu leiten. Seitdem arbeitet er als Melker in der Viehzuchtbrigade.

   
 

Ernst Helm wohnt nur wenige Meter von der grossen Scheune entfernt, in der die Feldbaubrigade, die jetzt von Gustaf Idler geleitet wird, die Zeit bis zum Beginn der Frühjahrsbestellung nutzen will, um das letzte Getreide von der Vorjahresernte auszudreschen. Wenn er heute früh vom Melken aus dem Kuhstall kommt, um noch ein paar Stunden zu schlafen, dann wird in der Scheune der Dreschkasten rummeln. Ernst hat sich ganz darauf eingestellt. Er legt sich hin und erwartet den Schlaf, und er wartet auch auf das Summen des Dreschkastens. Der Schlaf will nicht kommen, weil Ernst gespannt auf das Geräusch aus der Scheune lauscht. Es bleibt ruhig. Ernst fragt seine Frau, ob Gustav Idler denn nicht dreschen wolle.
"Die sind alle in der Scheune", sagt sie, "aber der Kasten will wohl wieder nicht laufen, du kennst das doch."
Jetzt ist es erst recht aus mit dem Schlaf. Ernst denkt daran, wie er, als er noch Brigadier war, einmal stundenlang gemurkst hat, bis er den Fehler fand und den Dreschkasten in Gang brachte. Soll ich hin gehen und ihnen den Fehler zeigen? Ach, mag Idler sehen, wie er zurecht kommt. Die wollen's ja immer besser wissen, sollen sie es mal zeigen!

  klick
 

Stunden vergehen, der Dreschkasten bleibt stumm. Fast ein halber Tag ist für die Brigade verloren. Gustav Idler weiss, dass Ernst Helm den Kasten besser kennt und helfen könnte. Aber soll er zu ihm gehen? Nein, die Blösse kann er sich nicht geben.
"Wenn das nicht der Genossenschaft schaden würde", sagt Ernst Helm zu seiner Frau, als es ihm zu lange dauert, und er vor Ungeduld nicht mehr liegen kann, "würde ich sie ja machen lassen. Aber sie werden staunen, in zwei Minuten läuft der Kasten".
In der Scheune sagt er zu allen, die den Elektromotor von innen und von aussen untersuchen und prüfen: "Geht mal alle weg hier, ich werd' euch das Ding schon in Gang bringen." Er sieht sich den Steckkontakt vom Starkstromkabel an und findet seine Vermutung bestätigt. Die Kontaktstifte der einzelnen Phasen sind verbogen. Das passiert immer dann, wenn das Kabelende nach der Arbeit achtlos zu Boden geworfen wird. Ernst biegt die Stifte zurecht, steckt den Stecker hinein, und der Motor bewegt über die singende Transmission die Räder und Trommeln des schwerfälligen Kastens. Ernst Helm aber dreht Gustav Idler und seiner Brigade den Rücken zu und verschwindet in sein Haus, ohne zu verraten, wo der Schaden gelegen hat.

   
 

Tags darauf geht der Kasten wieder nicht. Gustav Idler muss seinen ganzen Stolz überwinden, ehe er sich entschliesst, Ernst Helm zu holen. Die Brigade kann nicht wieder wertvolle Stunden verlieren. Hier geht es um die Genossenschaft und nicht um Helm oder Idler.
Zwei Menschen, stolz und ehrgeizig, waren in Konflikt geraten. Nicht die persönliche Einsicht, nicht irgend eine wunderbare Wandlung ihrer Moral brachte sie wieder näher und löste den Konflikt, sondern die Zugehörigkeit zur Genossenschaft. Ernst Helm ging das Kabel reparieren, weil er nicht zusehen wollte, wie die Genossenschaft Schaden erlitt. Gustav Idler ging zum ehemaligen Brigadier, seinem Vorgänger, dem etwas vorzumachen er sich zum Ziel gesetzt hatte, und bat ihn um Hilfe, weil er es nicht verantworten konnte, dass die Genossenschaft geschädigt würde.
Alles, was die Genossenschaft produziert, was sie für den Markt erzeugt und für sich selbst, für das Kollektiv der Mitglieder und für jeden einzelnen, das setzt sich zusammen aus den Ergebnissen der Arbeit aller, die ihr angehören. Die Arbeit ist auch im Sozialismus die Quelle allen Reichtums, nur dass die wohlhabend werden, die die Arbeit leisten.

  klick
 

Ernst Helm hatte, als er noch Brigadier in Demnitz war, nie die Arbeit gescheut. Doch sie musste so gehen, wie er es sich gedacht hatte. Wenn er dabei in Widerspruch zu dem geriet, was für die ganze Genossenschaft im Augenblick notwendig und nützlich war, so konnte er zum Bremsklotz werden.
Der Vorsitzende Johann Gromzik denkt daran, wie Ernst Helm aufbrauste und auf stur schaltete, wenn einmal unerwartet an einem Feiertag ein Waggon zu entladen oder andere unaufschiebbare Arbeit zu verrichten war. Wie wird sich Idler anstellen, fragt sich Johann, als er vom Bahnhof Borckenfriede an einem Sonntag Bescheid bekommt, dass ein Waggon mit Dünger sofort zu entladen sei.
"Heute ist Sonntag", schimpft Gustav Idler, als der Vorsitzende ihm die "freudige" Botschaft bringt. "Sollen die uns den Dünger am andern Tag schicken! Kommt gar nicht in Frage, wir entladen nicht!"
"Gustav, hör zu", sagt Johann Gromzik, "du bist Brigadier! Wenn du so sprichst, was sollen dann die andern sagen? Ihr seid doch ein Kollektiv, und der Kopf davon, der bist du."

  klick
 

"Aber heute ist Sonntag!"
"Unser Korn, unser Mais, unsere Rüben, unsere Kartoffeln, sie wachsen auch an Feiertagen. Und unser Vieh, es will auch an Feiertagen fressen. Das weisst du so gut wie ich. Und schliesslich, die Eisenbahner fahren auch an Feiertagen. Wir wollen doch schnell voran, überall, wir auf der LPG, die Arbeiter in den Betrieben – überall."
"Es kommt doch keiner mit, und allein kann ich den Dünger nicht abfahren."
"Du bist Brigadier, du musst mit den Mitgliedern sprechen, ihnen erklären, warum es sein muss. Ich wette, sie machen mit."
Gustav Idler geht von einem zum andern. Sie zeigen auf ihre Sonntagskleidung. Der Brigadier erklärt, warum es sein muss. Es dauert nicht lange, da fährt die Brigade, voran der Brigadier, zum Bahnhof und holt den Dünger.

   
 

 

   
klick zum nächsten Kapitel klick

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30


© 2012 headkit prod.

Anregungen, Ergänzungen und Kritik ––> info [at] headkit.de