Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [24]

 

 

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WAS DIE JUNGEN WOLLEN
     
 

Muschi ist ein frisches, lebhaftes Mädel, neunzehn Jahre alt, seit ein paar Monaten Mitglied der Genossenschaft. Sie schimpft über alles, was ihr nicht passt. Sie schimpft auch mit, wenn anderen etwas nicht recht ist.
Ihr Name ist Ingrid Asmus, eine Tochter von Frau Asmus, der Johann Gromzik damals, 1946, als der Transport Rinder aus Thüringen für die Neubauern der Gemeinde Altwigshagen kam, ausser der Reihe eine hochtragende Sterke zuschanzte, damit die Kinder – Muschi war damals sechs Jahre alt – Milch und Butter bekamen und die Mutter etwas verkaufen konnte.
Muschi schimpft nicht auf die Genossenschaft. Aber sie hat ein feines Gefühl für alles, was nicht in Ordnung ist. Dabei macht sie sich allerdings nicht immer Gedanken darum, wen sie am zweckmässigsten ausschimpfen müsste.
Heute hat es Muschi auf die Normen abgesehen, richtiger gesagt, auf die, die ihrer Meinung nach die Normen gemacht haben.
"Die sollen erst mal selbst arbeiten, bevor sie die Normen festlegen." Muschi fordert das mit Leidenschaft. Man möchte glauben, sie hätte recht.

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Sie ist nicht gegen Normen. Die müssen sein. Denn wer gut arbeitet, soll auch gut verdienen; und wer faulenzt, soll weniger haben. Muschi kann das ohne Beklemmung sagen, denn sie ist fleissig – und verdient nicht wenig. Trotzdem möchte sie mehr verdienen.
Also die Normen und die von der Normenkommission sind die Sündenböcke, die Muschi nicht mehr verdienen lassen. Bei all ihrem jugendlichen Temperament und ihrer Unbedachtheit wird diesem aufgeweckten Mädel niemand zutrauen, dass sie, sagen wir, für ein Kleid oder ein Paar Schuhe mehr ausgeben würde, als sie Geld in Händen hat. Muschi hat nur noch nicht darüber nachgedacht, dass die Genossenschaft das auch nicht darf. Die Höhe der Norm, das heisst, welche Arbeitsleistung als eine Arbeitseinheit gilt, und wieviel Geld das Mitglied für diese Arbeitseinheit erhält, das hängt davon ab, wieviel Geld die Genossenschaft durch die Arbeit ihrer Mitglieder einnimmt und wieder verteilen kann. Je besser die Ernte, um so reicher die Genossenschaft, um so grösser der Verdienst ihrer Mitglieder. Das ist die ganze Antwort auf Muschis Klage.
Doch Muschi beklagt sich ja nicht allein über die Höhe der Normen. Sie stellt fest: "Die Normen werden im Büro gemacht, und die Mitglieder der Brigade, die die Arbeit machen, haben nichts zu sagen." Genau so sagt sie das.

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Das wäre gegen das Statut, und jedes Mitglied muss darüber wachen, dass das Statut, das Gesetz der Genossenschaft, geachtet und befolgt wird.
Die Normenkommission der LPG "Fortschritt" besteht – wie alle anderen Kommissionen – aus Mitgliedern der Genossenschaft, die auch in Brigaden arbeiten. Die Kommission hatte die Normenvorschläge ausgearbeitet. In den Brigaden wurde darüber diskutiert, in der Vollversammlung noch einmal, und dann stimmten alle Mitglieder den Normen zu. Auch Muschi war damals dabei. Sie hat nicht gesprochen. Vielleicht hatte sie Hemmungen, in der Versammlung zu reden? Auch mit ihrem Brigadier hat sie nicht über die Normen gesprochen. Aber sie schimpft vor denen, die sich ihr Schimpfen anhören mögen.
Man müsste mit ihr sprechen. Die Mitglieder der Normenkommission müssen das tun. Es ist die wichtigste Funktion der Kommissionen einer LPG, zu ermöglichen, dass die Mitglieder an der Leitung und Verwaltung der Genossenschaft teilnehmen, aber jedes Kommissionsmitglied müsste sich auch verantwortlich dafür fühlen, dass sich alle Genossenschaftsbauern auskennen in der Genossenschaft. Erkennen und einsehen ist immer der erste Schritt zur guten Tat.

   
 

Muschi wird künftig bestimmt die Normen anerkennen und sie auch vertreten, wenn sie in der Normenkommission mitberaten könnte. Sie ist doch jung und klug. Gebt der Jugend ein Ziel, und sie erstürmen es!
Muschis jugendliches Ungestüm macht sich heute noch in der ungezielten Kritikasterei Luft. Sie wird, an Erfahrungen reicher und von den Älteren geduldig und behutsam geleitet, einmal dort die Fehler sehen und bekämpfen, wo sie wirklich sind.
Nur wenig älter sind drei Jungen, die ich in der Heuernte kennen lernte. Sie waren mit der Feldbaubrigade auf der Wiese gewesen und kamen mit hoch beladenen Fuhren duftenden Heues über Ferdinandshof ins Dorf, um das Heu gleich in die Bergehäuser des "Objekts" zu bringen. Auf dem Weg zum "Objekt" mussten die Heufahrer am "Kaffee siebzig" vorbei. Den ganzen Tag waren sie der glühenden Sonne ausgesetzt gewesen, da lockte das Dunkel oder Hell oder die Limonade.

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Wer sich am kühlen Nass labt, der erfrischt sich wohl ein wenig, aber die Glieder bleiben nach dem heissen Tag schwer. Die Jungen haben nicht viel Lust, die Heugabeln noch einmal in die Hand zu nehmen und die Wagen im "Objekt" zu entladen. Sie könnten die Wagen ins Bergehaus bringen und am nächsten Tag vor dem Hinausfahren abladen.
"Schmeissen wir noch ab?", fragt schon einer.
"Wenigstens die Hälfte heute abend noch!", fordert der Zweite.
"Ich bin dafür, dass wir alle Wagen heute abend noch leer machen", sagt der Dritte, "sonst kommen wir morgen um so später raus auf die Wiese. Und wer weiss, wie lange sich das Wetter hält."
"Du hast recht", pflichtet ihm der Zweite bei, "es wäre schade, wenn das schöne Heu nass würde. Wir müssen es so schnell wie möglich unter Dach kriegen."
Der Erste ist aber noch nicht gewonnen. "Können ja morgen ein bisschen früher anfangen."
"Du weisst genau, dass daraus meistens nichts wird", sagt wieder der Dritte. "Ich bin dafür, dass wir gleich abladen. Mensch, was geschafft ist, ist geschafft! Was meinst du, wie gut du schläfst, wenn du den Wagen leer hast."

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"Na denn man tau!" Der Erste willigt ein. Alle drei leeren ihre Gläser, werfen ihre Groschen auf den Tisch, fahren zum "Objekt" und laden ab.
Junge Genossenschaftsbauern sind das. Sie haben nicht mehr den Zwang des Akkords und der Not auf dem Gut kennen gelernt. Aber von den älteren Bauern wissen sie, dass früher der Inspektor befohlen hätte: Abladen!
Sie folgen einer anderen Stimme, dem Bewusstsein, mit verantwortlich dafür zu sein, dass das Vieh der Genossenschaft im Winter gutes Futter hat.
Manchmal hört man in Altwigshagen ältere Leute sorgenvoll von der "verdorbenen" Jugend sprechen. "Von vierzehn bis zwanzig sind sie am schlimmsten", sagte mir eine alte Bäuerin. Aber sie musste zugeben, dass sie ab zwanzig wieder besser werden. Sie begründete es sogar, hatte gewissermassen eine Art Jugendpsychologie entwickelt: "Mit vierzehn, fünfzehn, da lieben sie das Knallen und Johlen. Mit sechzehn, siebzehn und achtzehn, da rennen die Jungen jedem Mädel nach, und die Mädels haben bloss die Bengels im Kopp. Mit neunzehn und zwanzig dreht sich alles nur noch um die Liebe, und morgens schmeckt die Arbeit nicht...

   
 

Über zwanzig dann hört die Flatterei auf; da liebt man nur noch einen oder eine, und man denkt ans Heiraten."
Wir wollen nicht untersuchen, wie weit die Beobachtungen der guten Frau richtig sind. Verzeihen wir ihr auch, falls sie übertrieben hat. Belauschen wir aber noch einmal das Leben in Altwigshagen: Sind das schlechte oder verdorbene junge Menschen?
Es war Silvester. überall in der Welt begrüsst man das neue Jahr mit allerlei Lärm und Feuerzauber. Warum also nicht auch in Altwigshagen? In jedem Dorf kennen die Jungen Rezepte, nach denen man Knallkörper aus irgendwelchen Kapseln oder abgebrochenen Schlüsseln herstellen kann.
Nun hatten ein paar Jungen – alle Achtung vor so hellen Augen! – im Keller des ehemaligen Schlosses eine nicht benutzte elektrische Leitung entdeckt, zu deren Haltevorrichtung Metallkapseln gehörten, die sich vorzüglich für die Fertigung von Knallkörpern eigneten. Ein Teilchen nach dem anderen wurde von geschickten Bubenhänden abmontiert und, in tiefen Hosentaschen verborgen, zur geheimen "Werkstatt" befördert. Da auch die letzte Kapsel für den Silvesterrummel benötigt wurde, lag schliesslich das ganze Gestrippe am Boden, und die "Arbeit" hinterliess auch noch einige auffällige Kratzer an der Wand.

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Es war das Unglück der kleinen Feuerwerker, dass der Bürgermeister tags darauf den Keller inspizierte und den Schaden entdeckte. Der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei erhielt eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Sachschadens in Höhe von 250 Mark.
Wie die Geschichte weiter ging, interessiert eigentlich nicht. Der Schwerenöter, der die Kapseln abgebaut hatte, war jedenfalls bald gefunden. Der ABV aber bestrafte ihn nicht, sondern nahm den Jungen einige Zeit in seine zwanglose Schule: Er sprach mit ihm wie mit einem guten alten Freund, erzählte ihm aus dem früheren Leben der Arbeiter und der Bauern und sprach mit ihm auch darüber, dass eine Lichtleitung Geld kostet, weil sie ja hergestellt und anmontiert werden muss. Der Junge ist kein Tugendschäfchen geworden; er ist heute, nach ein paar Jahren, ein frischer, aufgeweckter, ehrlicher und fleissiger junger Genossenschaftsbauer. Und als Helfer der Deutschen Volkspolizei zeigt er, wie es um seine Moral bestellt ist. Er heisst Alfred Trautmann und gehört der Feldbaubrigade Altwigshagen an.

   
 

Die Jugend von Altwigshagen lernt schon heute das Leben im neuen Dorf lieben. Doch sie ist noch allzu sehr sich selbst überlassen.
In wenigen Jahren jedoch wird die Genossenschaft ihrem Nachwuchs alles geben können, was ihn für die künftige Aufgabe im sozialistischen Dorf vorbereitet: Mit dem Bau einer zehnklassigen Oberschule wird bald begonnen; das Kulturhaus entsteht im Verlauf des Siebenjahresplanes; eine grosse Sportanlage mit Stadion wird im gleichen Zeitraum geschaffen; und schon heute bereitet die LPG die Einrichtung eines Lehrlingsheims vor: Adolf Donner, einer der sieben Bauern, die die LPG einst gründeten, besucht bereits eine Schule, um später als Meister der Landwirtschaft und Lehrausbilder zu arbeiten; natürlich kommt das Lehrlingsheim in ein schönes neues Gebäude.
Wer meint, dass diese Einrichtungen, die allein für die Jugend geschaffen werden, die Kraft der Altwigshäger Bauern übersteigen, der mache sich die Mühe, auf den ersten Seiten unseres Büchleins noch einmal nachzulesen, was Altwigshagen in den sieben Jahren von 1953 bis 1959 gebaut hat, in den Jahren, als diese junge, schwache LPG sich noch gegen alle Kinderkrankheiten wehren musste, als die meisten Bauern noch nicht mithalfen und allenthalben schwerere Bedingungen bestanden.

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Wenn Muschi eine junge Mutter geworden ist, und ihr Kindchen in die Kinderkrippe bringt, wenn Alfred Trautmann seinen Sprössling den Maschinenpark der LPG bestaunen lässt, dann wird das Dorf kaum noch wiederzuerkennen sein für einen, der es heute verlässt, weil ihm Arbeit und Leben in der Stadt reizvoller erscheinen.
Wir bringen den Ausblick auf die Zeit des Siebenjahresplanes nicht ohne Absicht mit unseren Gedanken über die Jugend in Verbindung. Im Siebenjahresplan der Gemeinde Altwigshagen steht sehr deutlich und ohne viel Drumherum, die Gemeindevertreter und der Vorstand der LPG hätten den Jugendlichen ständige Hilfe zu geben; es heisst sogar: "konkrete Hilfe zu geben". Sie sollen den Jugendlichen helfen, dem Vorbild der vielen jungen Arbeiter der Industrie nachzueifern: sozialistisch zu arbeiten, zu lernen und zu leben.
Konkrete Hilfe wird gefordert. Weil der Siebenjahresplan nicht ein Plan für eine ferne Zukunft ist, darf die Jugend fragen: Wie ist es mit der Hilfe? Nicht Worte bitte, konkret soll sie sein!

   
 

Bürgermeister Walter Dasse hat einen Jugendförderungsplan entworfen. Sehr viele Geister haben an dem Entwurf nicht mitgewirkt, und was das Schlimmste ist: Der Bürgermeister machte diesen Plan, ohne danach gefragt zu haben, welche Anregungen und Vorschläge die LPG für den staatlichen Plan der Jugendförderung in der Gemeinde hätte. Da der Entwurf des Planes vor die Gemeindevertretung musste und von den achtzehn Gemeindevertretern dreizehn der LPG angehören, wurde es nichts mit diesem Plan; was unter Ausschluss der Öffentlichkeit – immerhin ist Altwigshagen ein vollgenossenschaftliches Dorf – entstanden war, wurde verworfen. Ein neuer Plan wurde gemeinsam mit dem Vorstand der LPG und mit der Jugend ausgearbeitet.
Die Genossenschaft bereitet für einen jungen Melker aus der Tierzuchtbrigade, Heinz Beese, den Besuch der Fachschule vor, von der er mit dem Zeugnis eines Meisters der Rinderzucht zurückkehren soll. Der Anfang ist gemacht. Vielleicht wird Rudi Hartig aus der Tierzuchtbrigade der nächste sein. Auch er gehört zu den jüngeren Melkern und hat schon gezeigt, dass er etwas versteht. Als er 1958 einundzwanzig Kühe übernahm, waren es alles junge Tiere, die sich schwer melken liessen und wenig Milch gaben. Ein Jahr später stand Rudi Hartig mit der Milchleistung seiner Kühe unter den ersten der Brigade.

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Die Tierzuchtbrigade wird vom Meister der Rinderzucht Martens geleitet; der Obermelker Hermann Blank ist vierzig Jahre im Beruf und hat auch die Meisterprüfung gemacht; Heinz Beese geht zur Schule. Aber was machen die Feldbaubrigaden? Die Brigadiere sind gute Genossenschaftsbauern. Die Erträge im Feldbau sollen aber in den nächsten Jahren erheblich steigen. Die LPG "Fortschritt" spezialisiert sich zwar auf Milchwirtschaft und Geflügelzucht, aber – Futter braucht das liebe Vieh! Es müssen Könner sein, die die Pläne erfüllen. Das wird der Vorstand berücksichtigen, wenn er für jedes Jahr, wie im Siebenjahresplan von Altwigshagen gefordert wird, festlegt, wer wie wann wo Lehrgänge und Schulen besuchen soll.
Das neunzehnjährige Mädel aus der Demnitzer Feldbaubrigade sucht Gelegenheiten, wo es seinen kritischen Geist nutzbringend sprühen lassen kann. Die Jungen, die noch im Dunkelwerden die Heuwagen entluden, wollen jeden Tag eine gute Tat für ihre Genossenschaft vollbringen. Die Burschen, die die Lichtleitung abmontierten, brauchen ein Betätigungsfeld und eine helfende Hand auf ihrem Weg ins Leben. Der erfolgreiche junge Melker will studieren, wie man Rinder nicht nur gut pflegen und füttern, sondern auch richtig züchten und aufziehen kann. Ist es unmöglich, ihnen ihren Willen zu lassen? In der Genossenschaft ist so etwas nicht unmöglich.

   
       
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