Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [25]

 

 

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DER DORFCHOR UND DAS FEDERVIEH
     
 

Die Jungen und Mädchen, die heute die junge Generation der Genossenschaftsbauern bilden, sind voller Lebenslust. Sie wollen nicht warten, bis das Dorf in seiner geplanten Schönheit voll erstanden ist, schon heute suchen sie nach Tummelplätzen für ihre Ausgelassenheit und nach Abwechslung bei Spiel, Sport, Gesang und Tanz.
1965 wird die Genossenschaft ein schönes neues Kulturhaus besitzen. Für die Zwischenzeit fand sie eine Lösung mit der Baracke, einem einstöckigen massiven Gebäude mit Kultursaal, Verwaltungsräumen und Wohnzimmern für ledige Mitglieder. Im Kultursaal finden die Versammlungen der LPG statt, nehmen die Ledigen ihre Mahlzeiten ein, wird abends Tischtennis gespielt und anschliessend das Fernsehprogramm miterlebt.
Ich fragte verschiedene Altwigshäger nach dem Kulturleben im Dorf, den Bürgermeister, den Parteisekretär, den Schulleiter, die junge Bäuerin aus der Feldbaubrigade.
Der Bürgermeister: "Da haben wir erstmal unsern Chor."
"Und was habt ihr noch?"
"Na, und zweimal die Woche ist Kino."
Der Parteisekretär: "Seit ein paar Wochen haben wir einen Dorfklub, der fängt aber erst an zu arbeiten. Auch einen Chor gibt es und Kino im 'Kaffee siebzig'."

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Der Schulleiter: "Chor, Kino, manchmal auch Laienspiel, aber das macht auch der Chor."
Wäre das alles gewesen, ich hätte es nicht wagen dürfen, diesem Abschnitt Worte von der Lebenslust und dem Suchen der Jugend nach Spiel, Tanz und Gesang voran zu stellen. Aber ich erfuhr noch mehr.
Die junge Bäuerin: "Kino ist zweimal die Woche, aber da müssen wir immer bis "Kaffee siebzig' laufen, vor allem die Demnitzer haben es ganz schön weit."
"Warum ist denn nicht im Kultursaal Kino?"
"Mal haben sie's versucht. Aber dann hiess es, dass da nicht die richtigen elektrischen Anschlüsse wären. Na, und nun ist eben wieder draussen an der Chaussee Kino."
"Seid ihr denn mit zweimal Kino in der Woche zufrieden?"
"Viel mehr Tanz müsste sein! Wann ist denn schon mal was los in Altwigshagen?"
"Aber es gibt doch eine 'Ständige Kommission für Kultur- und Volksbildung' in der Gemeindevertretung."

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"Die haben Wichtigeres zu tun." Das sagte die Bäuerin so, wie ich es hier aufgeschrieben habe. Ich möchte mich dafür verbürgen, dass sie es ernst meinte. Sie sagte das ohne Spott, bescheiden und bei aller Liebe zum Tanz, bereit zu verzichten, wenn "Wichtigeres zu tun" ist. "Mit Tanz kann sich die Gemeindevertretung doch auch gar nicht abgeben", fügte sie noch hinzu, "so etwas braucht man doch nur zu organisieren."
"Mit Tanz allein nicht, aber wie ist es denn mit dem Dorfklub, mit dem Sport oder mit dem Chor?"
"Der Dorfklub hat sich viel vorgenommen", antwortete sie, "aber das geht wohl erst richtig im Winter los. Vom Sport und erst recht vom Chor wollen wir lieber gar nicht reden!"
Die junge Bäuerin sprach aber doch vom Chor. Ohne dass ich weiter zu fragen brauchte, erzählte sie mir, wie es ihr im Chor ergangen war, als sie einmal mitsingen wollte.

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Die Seele des Volkschors der LPG "Fortschritt" ist Clara Quandt, die Leiterin der LPG-Geflügelfarm. Frau Quandt liebt den Chorgesang, wie sie ihr Federvieh liebt. Sie leitete den Chor der LPG schon, als sie noch nicht Mitglied der LPG war. Ihr Geflügelhof war einer der letzten Einzelbetriebe, die zur Genossenschaft kamen. Seit dem 1. Januar 1959 ist die ehemalige Gutssekretärin, die mit Hingabe, Geschick und grosser Erfahrungen einen einträglichen, im ganzen Land bekannten Zuchtbetrieb aufbaute, Mitglied der sozialistischen Genossenschaft. In der LPG hat sie die Möglichkeit, noch viel grosszügiger ihrem Ruf als Geflügelzüchterin und den Dutzenden von Anerkennungen und Ehrungen, die sie auf Schauen und in Wettbewerben erhalten hat, gerecht zu werden. Diese Frau, die aus der klugen Einsicht, dass der sozialistische Grossbetrieb die Landwirtschaft der Zukunft sein wird, zur LPG kam, sie braucht die Hilfe der ganzen Genossenschaft, um in ihrer Farm abzukommen von den hergebrachten einengenden Formen des Wirtschaftens und Leitens und alle Vorteile der sozialistischen Wirtschaftsführung zum Wohl der Genossenschaft zu nutzen. Frau Quandt kann sich nicht von heute auf morgen umstellen und ändern. Noch hat sie Abstand vom grossen Kollektiv der Genossenschaftsbauern, noch macht sie Ausflüge nur mit "ihren" Mädchen, den Lehrlingen der Farm, ohne sich viel um die andern zu kümmern, noch lässt sie für "ihre" Mädchen in der eigenen Küche kochen, obwohl die LPG eine gute Gemeinschaftsküche hat. Noch sieht Frau Quandt ihre Beziehungen zur Genossenschaft allein darin, dass sie die geplante Anzahl Küken aufzieht und verkauft und fordert: das und das muss von der LPG gebaut oder gekauft werden.

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Und... noch wirbt Frau Quandt, die den LPG-Chor leitet, nicht dafür, dass der Chor nicht nur dem Namen nach, sondern auch in der Tat der Volkschor der Altwigshäger Genossenschaftsbauern ist.
Das erfuhr ich nicht alles von der jungen Genossenschaftsbäuerin, die schlechte Erfahrungen mit dem Chor gemacht hatte. Sie sagte mir nur, was sich unlängst zugetragen hatte: Aus Freude am Singen hatte sie sich im Chor angemeldet und mit grossem Vergnügen ein paarmal mitgesungen. Sie war eines der wenigen Chormitglieder aus den Brigaden der Genossenschaft.

   
 

In der Feldbaubrigade kommt es vor, dass dringende Arbeit zu Ende gebracht werden muss, auch wenn abends Kino oder Tanz oder Chorsingen ist. Die Bäuerin überlegte keinen Augenblick, als sie eines Tages vor der Frage stand: die Arbeit beenden oder zum Singen gehen? Im Chor würde man verstehen, dass sie die Brigade nicht im Stich lassen konnte. Sie bekam im Chor aber Vorwürfe zu hören.
"Das ist nicht der Chor der Genossenschaft, solange wir, die auf dem Feld und im Stall arbeiten, nicht mitsingen können", sagte die Bäuerin.
Frau Quandt liebt den Gesang. Was für die Kunst im allgemeinen gilt, dass sie Brücken baut und die Menschen zusammen führt, das muss für das volkskünstlerische Schaffen im Altwigshäger Chor eine Aufgabe sein, die auch Frau Quandt das Hineinfinden in das Kollektiv der Genossenschaftsbauern erleichtert.
Die Bäuerinnen und die Bauern werden sie dann nicht nur achten, weil sie für den Reichtum der Genossenschaft im Jahr Hunderttausende Stück Federvieh aufzieht, sondern weil sie mit den Genossenschaftsbauern auch Frohsinn und Freude teilt, wie es in einer Gemeinschaft freier, gleichberechtigter Menschen nicht anders sein kann.

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