Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [27]

 

 

Ein Klick öffnet Karten und Bilder.

DER WEITE WEG
     
 

Der Gegner im Kampf um die neuen Ziele ist die Zeit, hatten wir gesagt. Sie ist zu besiegen. Wer nämlich in der Hälfte der Zeit das gleiche schafft, schafft das Doppelte. Darum geht es. Aber dabei soll die Arbeit auch leichter werden.
Vor einigen Jahren, als die Genossenschaft gerade gegründet war, sprach Hermann Blank auf einem Erfahrungsaustausch über Neuerermethoden in der Viehwirtschaft vor Bauern aus der ganzen Republik. "Die Partei", so begann er, "stellt uns die Aufgabe, alle bisher noch nicht voll genutzten Möglichkeiten zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion zu nutzen. In der Viehwirtschaft gibt es noch grossen Reserven." Der Altwigshäger Genossenschaftsbauer sprach von den Erfahrungen seiner jahrzehntelangen Arbeit in der Viehwirtschaft. Wenn die Kuh viel Milch geben soll, muss sie richtiges und gutes Futter bekommen. Mit dem Heu geben wir ihr einen wichtigen Teil der Nährstoffe, die sie braucht. Aber nur gutes Heu enthält genügend Eiweiss. Mähen wir erst, nach dem das Gras in Blüte gegangen ist, oder ernten wir das Heu in althergebrachter Weise, so verschenken wir die meisten Nährstoffe. Man sollte endlich von der üblichen Heutrocknung abgehen. In jedem Betrieb sollten wir zur Heureuterung übergehen, nur so werden wir gutes und Eiweiss reiches Heu bekommen.

  klick
 

Hermann Blank ist nicht der Mann, der solchen Erkenntnissen untreu wird. Rechtzeitiger Schnitt und kurze Trocknung am besten auf dem Reuter haben bereits vielen Genossenschaften zu hohen Milchleistungen verholfen. In Altwigshagen hätte Hermann Blank seine Forderung schon lange durchgesetzt, wenn...
"...ja, wenn wir in der Hälfte der Zeit so viel schaffen wie jetzt", meint Vorsitzender Gromzik, als wir zum ersten Schnitt in diesem Jahr auf der Wiese sind. Zwar hat die Grasmahd noch zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt – gut, wenigstens für das Heu, dass Ende Mai, Anfang Juni trockenes, warmes Wetter war – zwar brauchte die Feldbaubrigade erst auf die Wiese, als der Grasmäher das Gras gemäht, die Sonne es getrocknet, der Wender es gewendet und in Schwaden gelegt hatte; aber tagelang mussten an die zwanzig Mitglieder der Feldbaubrigade mit Heugabeln Haufen setzen und ein paar Dutzend Mal Wagen hoch beladen, wie in Zeiten, als es dafür noch keine Maschinen gab. Das Heu trocknete in Schwaden auf althergebrachte Weise, und die Genossenschaftsbauern mussten sich plagen auf althergebrachte Weise. Wertvolle Zeit und kostbare Nährstoffe gingen verloren.
Das Rauhfutter für ein ganzes Jahr kann verderben, wenn die Heuernte nicht schnell genug vor sich geht, die Sonne das Heu auf der Wiese dörrt oder Regen es durchnässt. Verlorene Zeit ist verlorenes Futter, verlorene Milch, verlorenes Fleisch, verlorenes Geld.

  klick
 

Wie weit ist doch manchmal der Weg von der Erkenntnis zur Tat! Widerwärtigkeiten und Hindernisse müssen überwunden werden. Das Hindernis, das dem guten Willen der Altwigshäger, die Heuernte zu beschleunigen und zu erleichtern, buchstäblich im Wege liegt, ist ein breiter Graben, der Landgraben, der einen Teil des Grossen Moores entwässert. Er kommt vom Westen her aus der Tollense und schiebt sein Wasser träge durch die Friedländer Grosse Wiese, durchquert dann die sandige Waldgegend und mündet als Flüsschen Zarow ins Haff. Von Altwigshagen bis zum Landgraben braucht man zu Fuss eine gute halbe Stunde. Diesseits des Grabens liegen Äcker und Viehweiden der Genossenschaft, jenseits dehnt sich das grüne Moor, das hier, wo der Graben für Entwässerung sorgt, Futter für grosse Herden tragen kann, weiter südlich aber nass und gefährlich ist. Die Freie Deutsche Jugend des Bezirks Neubrandenburg ist dort jetzt dabei, dem nassen Grund das Wasser zu rationieren und ihm Kulturen aufzuzwingen.
Den Landgraben entlang nutzt die LPG "Fortschritt" siebzig Hektar guter Wiesen. Sie gehört ihr nicht; nur vorübergehend, für die nächsten fünf oder sieben Jahre, erntet sie das Heu, weil es noch so lange dauert, bis hier ein neues Dorf entstanden sein wird, von dem aus das ganze Moor in ein reiches Viehzucht- und Gemüsegebiet verwandelt werden soll.

   
 

Die Altwigshäger brauchen vom Landgraben, den sie über einen Steg an der Staue nur zu Fuss überqueren können, bis zu der von ihnen genutzten Wiese noch einmal eine halbe Stunde, also eine Stunde vom Dorf zur Wiese. Fahren kann man nicht, weil der Graben dazwischen liegt und der Steg an der Staue nur schmal und schwach ist. Die Heuwagen fahren von der Wiese über Ferdinandshof, an "Kaffee siebzig" vorbei, zum "Objekt" oder ins Dorf. Drei Stunden dauert die Tour.
"Hätten wir eine Brücke über den Landgraben", klagt Johann Gromzik. als wir von der Wiese aus über das sechs Meter breite Wasser die Weiden und die Kornfelder hinweg auf Demnitz und Altwigshagen sehen, "dann brauchten wir tatsächlich nur die halbe Zeit für die Heuernte". Der Vorsitzende meint damit nicht nur, dass die Heuwagen nicht die lange Fahrt über Ferdinandshof zu machen brauchten, wenn sie über die Brücke geradewegs ins Dorf könnten. "Wir könnten dann unsere Pick-up-Presse einsetzen."
"Was hat denn die Pick-up-Presse mit der Brücke zu tun? Warum setzt ihr sie jetzt nicht ein?"
"Mit der Pick-up-Presse können wir die Wagen nicht hoch genug beladen. Mit halb beladenen Fuhren lohnt aber der weite Weg über Ferdinandshof nicht", erklärt der Vorsitzende. "Mit der Brücke, da wäre das anders..."
Bevor die Heuernte begann, hatten Vorstand und Feldbaubrigade besprochen, wie das Heu am Besten zu bergen wäre. Zwei Vorschläge waren gemacht worden. Der eine war, eine Brücke zu bauen.

  klick
 

Eine Pioniereinheit der Nationalen Volksarmee erklärte sich sogar bereit, die Brücke zu errichten. Doch dann kamen Zweifel: für die paar Jahre, bis die Wiese vom neuen Dorf genutzt würde? Und das schöne Holz!
Der zweite Vorschlag: Am Südufer des Landgrabens wird ein Heugebläse aufgestellt. In kurzer Zeit könnte alles drüben sein und abgefahren werden.
Das Gras wuchs schneller, als Vorstand und Brigade sich entschliessen konnten, das eine oder das andere zu tun. So blieb nichts anderes übrig, als die Dutzende Fuder Heu durch Ferdinandshof und auf der Chaussee spazieren zu fahren. Alle Gespanne der Genossenschaft dazu Hänger und Traktoren wurden eingesetzt, aber drei Stunden hin, drei Stunden zurück, dazwischen aufladen – da ist der Tag bald vertan.

   
 

Das Schlimmste war aber, dass die Pick-up-Pressen im Schuppen faulenzten, während die Feldbaubrigade deren Arbeit machte, statt den Rüben den Zucker und dem Mais die Stärke einzuhacken.
Wer die Arbeit in der Hälfte der Zeit schafft, schafft das Doppelte. "Das Dreifache", behauptet Hermann Scheel sogar.
"Und die Brücke wird gebaut", fordert Johann Gromzik. "Kommt mal mit, wir schauen uns das gleich an Ort und Stelle an." Wir stapfen durch die hohen Gräser und Kräuter auf der Böschung des Grabenufers, bis wir eine Stelle gefunden haben, die sich eignen würde. "Hierher kommt die Brücke", fordert er und stösst mit dem Stiefelabsatz ein Loch in die Böschung, als wollte er schon die Stellen für die Pfähle markieren. "Nächstes Jahr geht's nur noch mit Maschinen ins Heu. Unsere Menschen sollen es nicht mehr so schwer haben. Was meint ihr, was wir da gewinnen, wenn wir die Brücke erst haben!" Sicherlich ärgerlich, weil die Brücke noch nicht da, Zeit und Geld verloren und die Technik ungenutzt ist, brummt er sein Sind-doch-unsere-Gelder! hinterher.

  klick
 

An einem der heissen Heutage, als die Altwigshäger noch immer Fuhre um Fuhre auf dem weiten Weg nach Hause brachten, führte die MTS Ferdinandshof auf einem Wiesenstück dicht neben der Strasse neue Heuerntemaschinen vor. Johann Gromzik, die Feldbaubrigadiere und Hermann Blank sahen sich das an. Aus dem ganzen Bezirk waren Genossenschaftsbauern, Traktoristen und Landmaschinentechniker nach Ferdinandshof gekommen. "Da sieh, auf der Strasse, das sind unsere Wagen. Was in dem Heu für Arbeit steckt!" Johann Gromzik machte eine bittere Miene, als er dem Direktor der MTS sein Leid klagte. "Ja, wenn man hier sieht, wie das Futter geborgen werden kann, ohne dass es von Menschenhand bewegt wird... Wenn wir nur überall erst so weit wären!"
"Das dauert nicht mehr lange", antwortete der Direktor, "ihr sollt hier eure Meinung über die Maschinen sagen, dann werden sie verbessert und gehen in die Serienproduktion".
Von allen Maschinen imponierte den Altwigshäger Bauern, hauptsächlich Hermann Blank, der ja auf das Reuterheu schwört, besonders ein neues Aggregat, das die von der Mähmaschine gelegten Schwaden aufnimmt, selbsttätig Reuter setzt und sie mit dem Heu behängt.

   
 

"Das gibt gutes Heu", sagt Hermann Blank, "die Maschine brauchen wir. Reuterheu auch mit wenigen Arbeitskräften, das ist eine Sache".
Gustav Idler gefiel nicht, dass die Maschine das Heu noch zu unsauber aufnimmt. Er sagte es, und es wurde versprochen, dass der Mangel beseitigt würde.
Auf dem Heimweg nach Altwigshagen diskutierten wir heftig über die Maschinen, nicht über ihre Arbeitsweise und ihre Bauart, die waren bis auf kleine Mängel von den Bauern anerkannt. Über die Zeit, die vergehen würde, bis die Industrie für alle Arbeiten in der Landwirtschaft solche Maschinen bereit hätte, gab es Streit zwischen uns. Einer meinte, eine solche Technik wie in der Industrie werde es in der Landwirtschaft nie geben. Der andere bestritt das, zweifelte aber daran, dass alle Feldarbeiten mechanisiert werden könnten. Johann Gromzik wollte dem Streit ein Ende machen. "Ihr wisst doch, was der V. Parteitag beschlossen hat: Bis 1965 wollen wir so weit sein, dass alle schweren Arbeiten und die anderen Arbeiten auf dem Felde und im Stall grösstenteils nur noch mit Maschinen ausgeführt werden. Das sind noch ein paar Jahre. Kinder, wer hätte vor sieben Jahren gedacht, dass der Bauer bald nur noch mit Maschinen arbeiten wird?"
"Denk mal an den sowjetischen Film, den wir damals gesehen haben", widersprach Hermann Blank, "da haben sie es uns schon gezeigt, wie man in der sozialistischen Landwirtschaft arbeitet. Aber ich hab' zu der Zeit immer zu meiner Frau gesagt: Das erleben wir bei uns nicht mehr, unsere Kinder ja, aber wir nicht. Und jetzt sind wir kurz davor, es zu erleben".

  klick
 

Was ist das für eine Diskussion? Sind das die Landarbeiter von den Junkergütern? Sind das die dummen Bauern, über die sich alte Redensarten auslassen? Das sind andere Bauern, andere Menschen. Sie sind so anders geworden, dass sie anfangen, von der Zukunft zu träumen, was ein Bauer oder Landarbeiter früher nie für möglich gehalten hätte.
Auf dem Heimweg von der Maschinenvorführung entstand in unserer Vorstellung das Altwigshagen der Zukunft. Hermann Blank hatte die vollmechanisierte Melkanlage für Stall und Weide im Sinn. Gustav Idlers Gedanken bewegten sich um die Maschinensysteme für Feldbestellung, Pflege und Ernte, von denen er gelesen hatte. Hermann Scheel erzählte, wie er sich das Landwarenhaus, das Dorfwirtschaftshaus mit der Waschanstalt vorstellte. Johann Gromzik beschrieb das Kulturhaus, die Kinderkrippe und die Sportanlage, wie sie seiner Meinung nach aussehen müssten.

   
 

"Wie weit wollen die eigentlich in diesem Jahr mit dem Bau des Stützpunktes kommen?", fragte plötzlich Gustav Idler den Vorsitzenden. Die Frage rief die Genossenschaftsbauern aus ihren Träumen. Johann Gromzik berichtete vom Bau des MTS-Stützpunktes an der Strasse zwischen Altwigshagen und Demnitz. Brigade Laue, eine Bauarbeiterbrigade vom Kreisbaubetrieb, die um den Titel "Brigade der sozialistischen Arbeit" kämpft, errichtet dort den ersten Teil der Anlage für den grossen Maschinenpark, der vielleicht im nächsten, vielleicht im übernächsten Jahr von der MTS in die Hände der Genossenschaftsbauern übergeben wird. Noch 1959 wird die erste Halle fertig, im nächsten Jahr folgen weitere.
Unterdessen waren wir im Dorf angekommen und trennten uns. Jeder ging seiner Arbeit nach, bezog seinen Kampfplatz, auf dem täglich neuer Boden im Angriff auf die Höhen des Sozialismus gewonnen wird.

  klick
       
klick zum nächsten Kapitel klick

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30


© 2012 headkit prod.

Anregungen, Ergänzungen und Kritik ––> info [at] headkit.de