Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [28]

 

 

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SAAT UND ERNTE
     
 

In Altwigshagen gibt es einen Menschen, der auf besondere Weise im Dorf seinen Dienst versieht: den Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei.
Unterleutnant Ernst Kleist ist ein gern gesehener Besucher bei den Bauern. Niemand sieht in ihm den Aufpasser. Worauf sollte er auch aufpassen? Aber jeder weiss, dass der ABV zur Stelle wäre, wenn einem Unrecht geschähe oder wenn Leute ins Dorf kämen, die der Genossenschaft etwas antun wollten.
Der ABV ist seit zwölf Jahren Volkspolizist in Altwigshagen. Es gab Zeiten, da hatte er viel zu tun: Spekulanten wollten sich mühelos bereichern, dann und wann steckte sich einer ein, was einem anderen gehörte, im Rausch schlug einer um sich...
In den letzten Jahren sind die "Fälle", mit denen Ernst Kleist sich zu befassen hat, weniger und weniger geworden. Seit Monaten schon ist in Altwigshagen nichts geschehen, was der ABV als "kriminelles Delikt" verbuchen müsste.

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Ernst Kleist denkt nicht daran, sich das als Erfolg seiner Tätigkeit anzurechnen. Je mehr die LPG wuchs, desto weniger kamen in Versuchung, andere Dorfbewohner oder die Genossenschaft zu schädigen. Spitzbübereien wie die Paul Adams und Karl Wiecherts sind nicht mehr denkbar. Alle Bauern sind Mitglieder der Genossenschaft, und die meisten Familien der Gemeinde sind durch mindestens ein Mitglied mit der LPG verbunden.
Der Aufstieg der Genossenschaft veränderte das Leben der Bauern nicht nur dadurch, dass sie sich besser stehen, sondern sie helfen und achten einander mehr, weil sie ein gemeinsames Interesse haben, an einem gemeinsamen Plan arbeiten, gemeinsam säen und gemeinsam ernten, gemeinsam Schwierigkeiten überwinden und sich gemeinsam der Erfolge freuen.
Wo jemand gegen die Ordnung verstösst oder sich selbst mehr gönnt als den anderen, da kommt er mit den geschriebenen und den ungeschriebenen Gesetzen der Genossenschaft in Konflikt. Die Mitglieder der Brigade, der Vorstand oder das grosse Kollektiv der Mitglieder in der Vollversammlung führen ihn auf den Weg der Rechtmässigkeit und der Achtung vor den Menschen an seiner Seite zurück.

   
 

Einer der Bauern, die als letzte, erst 1958, der Genossenschaft beigetreten waren, hat das erst neulich erfahren. Er machte sich daran, auf einer Weide der Genossenschaft eine Koppel abzuzäunen für das Vieh seiner Hauswirtschaft. Die Vollversammlung hatte aber einstimmig beschlossen, dass die "individuellen" Kühe eine gemeinsame Weide in einer Koppel der LPG haben, die so bemessen ist, dass jedem Mitglied zwei Morgen für seine Kuh zur Verfügung stehen. Am Jahresende wird nach den geleisteten Arbeitseinheiten abgerechnet, wer mehr und wer weniger Naturalien zu bekommen hat, als diese zwei Morgen Wiese Futter für die Kuh brachten.
Einige Genossenschaftsbauern hatten diese Regelung vorgeschlagen, weil sie vorteilhaft für alle ist, und alle hatten zugestimmt.
Unser Bauer missachtete den Beschluss der Mitglieder. Wohin aber würde die Genossenschaft kommen, wenn jeder das täte? Die Mitglieder forderten ihn nicht nur auf, seine Kühe wieder in die gemeinsame Koppel zu bringen, sondern sie halfen ihm auch in sachlicher Aussprache zu verstehen, dass der Reichtum für alle Mitglieder nur aus dem Wachstum des Reichtums der Genossenschaft entspringen kann. Er war beschämt, aber nicht gekränkt, beschämt, weil er fühlte, dass er hinter den anderen zurück geblieben war. Er hatte nur an sich gedacht, sie dachten an alle, auch an ihn.

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Jeder Bauer lernt in der Genossenschaft. Er lernt in der modernen, mechanisierten Landwirtschaft arbeiten, er lernt Erkenntnisse der Wissenschaft für die landwirtschaftliche Praxis nutzen – und er lernt, ein unentbehrliches Glied einer Gemeinschaft zu sein.
Als Adolf Donner den Auftrag des Vorstandes der Genossenschaft annahm, für Monate die Arbeit in der LPG zu unterbrechen und die LPG-Bezirksschule Tollenseheim bei Neubrandenburg zu besuchen, gab es einige Neider im Dorf. Adolf Donner war glücklich, dass er ausersehen war, künftig Lehrausbilder der LPG zu sein, aber er wusste, dass ihm das Studium nicht leicht fallen würde. Es fällt ihm in der Tat nicht leicht.
"Sollte ich nur für mich lernen", sagte er mir, als ich ihn während seines Wochenendurlaubs im Dorf antraf, "ich hätte es vielleicht schon aufgegeben. In unserem Alter lernt es sich nicht mehr so leicht. Aber einer muss ja die Lehrlinge ausbilden. Die LPG ohne guten Nachwuchs..., da wäre alle Mühe heute umsonst. Ich habe es also auf mich genommen, und weil die Genossenschaft mich bracht, ich meine, weil sie das braucht, was ich auf der Schule lerne, darum werde ich das Studium auch durchstehen. Möglichst gut natürlich."

   
 

Weil die Genossenschaft einen Lehrausbilder bracht, nimmt Adolf Donner, der frühere Landarbeiter, der sich als Neubauer geplagt hat wie kaum ein Zweiter und dennoch schwere Rückschläge erlitt, die Mühen des Studiums auf sich. Er hätte es leichter bei der gewohnten Arbeit im Dorf. Oder er könnte gleichgültig sein und mit etwas Glück im Examen rechnen. Aber er ist schon hineingewachsen in seine künftige Aufgabe, Genossenschaftsbauern für morgen heran zu bilden. Welche Verantwortung! Welche Kräfte müssen sich in diesem Menschen gesammelt haben!
Die Gemeinschaft solcher Menschen, wie wir sie in Altwigshagen kennen gelernt haben, gibt auch Schwankenden und Schwachen Halt und Hilfe. Der Abschnittsbevollmächtigte geht daher sicher nicht fehl in seiner Ansicht, dass die Arbeit und das Leben in der Genossenschaft die Menschen einander näher bringt, sie zu Menschen macht, edel, hilfreich und gut. Das Leben der Menschen im neuen Dorf ist lebenswert, denn es ist menschenwürdig geworden. Der Landarbeiter Adolf Donner arbeitete für den Gutsbesitzer. Er legte und pflegte die Saat, der Junker erntete und füllte die Taschen. Der Bauer Donner erntete selbst, was er gesät, aber Schweiss vergällte selbst die süssesten Früchte. Genossenschaftsbauer Adolf Donner arbeitet, lernt und lebt in der Gemeinschaft. Er arbeitet und lernt für den Wohlstand und das Glück seiner Familie, der Mitglieder seiner Genossenschaft, für die Schönheit der Republik, für die Grösse der Arbeiter-und-Bauern-Macht.

  donner
       
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