Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [29]

 

 

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TANZ DER MÄDCHEN AM GALGENBERG
     
 

Altwigshagen ist eine Baustelle des Sozialismus, keine besondere wie die "Schwarze Pumpe" oder das Erdölverarbeitungswerk bei Schwedt an der Oder, sondern eine Baustelle gleich den Zehntausenden in allen Dörfern unserer Republik von der Ostsee bis zum Erzgebirge und von der Staatsgrenze im Westen bis zu Oder und Neisse. Deshalb wäre es übertrieben, zu sagen, Altwigshagen sei eine Sehenswürdigkeit im landläufigen Sinne. Ja, es gibt Dörfer in unserer Republik, in denen viele Schwierigkeiten, mit denen die Altwigshäger sich heute noch herum schlagen, schon vergessen sind, wo vielleicht auch schon mehr vom künftigen sozialistischen Dorf zu sehen ist, wo die Spuren der Vergangenheit schon im Äusseren kaum noch zu bemerken sind. Und natürlich nehmen die Altwigshäger Genossenschaftsbauern auch nicht für sich in Anspruch, die erfolgreichsten Bauleute des sozialistischen Dorfes genannt zu werden. Sie sind Genossenschaftsbauern in einem Dorf der Deutschen Demokratischen Republik, Bürger eines herrlichen Staates mit einer herrlichen Zukunft vor Augen.

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Als wir uns überlegten, welche Gemeinde, welche Genossenschaft wir auswählen sollten, um dieses Bändchen über ihre Menschen zu schreiben, da wussten wir von Altwigshagen nicht mehr, als dass sich hier seit einiger Zeit die Bauern des Dorfes vollzählig im Kollektiv gefunden hatten und im Jahr des zehnten Geburtstages unserer Republik zum grossen Sprung ansetzen wollten, um die Unliebsamkeiten des Anfangs endgültig zu überwinden. Wir haben auf diesen Seiten nicht darüber berichtet, wie weit sie damit sind. Aber wir haben versucht, ein Bild von den Menschen des neuen Dorfes zu zeichnen, die nahezu Unüberwindliches überwanden, die schier Unlösbares lösten, die kaum Erreichbares erreichten, seit sie, von Unterdrückung und Ausbeutung befreit, die Schranke des Einzellebens durchbrochen, ihre Kraft und ihren Geist zur alles besiegenden Gemeinschaft vereint haben. Solche Menschen nehmen auch die letzten Hürden.

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Gemeinschaft vereint haben. Solche Menschen nehmen auch die letzten Hürden. Vielleicht kommen Sie, verehrter Leser, falls Sie selbst Genossenschaftsbauer sind, einmal nach Altwigshagen, um Erfahrungen auszutauschen. Oder vielleicht fahren Sie aus Ihrem Stahlwerk oder aus Ihrer Brikettfabrik ins Ferienheim an die Ostsee die Fernverkehrsstrasse 109 entlang: Zwischen Ferdinandshof und Ducherow passieren Sie ein Kreuzung. Das Schild, das nach links weist, trägt die Aufschrift "Altwigshagen". Machen Sie einen Abstecher dorthin. Sie werden Menschen treffen, von denen wir berichtet haben, und viele andere, für die die von uns mit Namen Genannten hier stehen.
Die Altwigshäger werden Sie freundlich aufnehmen und Ihnen sicherlich schon vieles zeigen, Ihnen von vielem erzählen, was erst in eine Fortsetzung unseres Berichtes aufgenommen werden könnte.
Mit welcher Art Menschen Sie in Altwigshagen zusammen treffen, wissen Sie schon. Damit Sie sich im Dorf auch ein wenig auskennen, lassen Sie sich beschreiben, wie Sie den Ort vorfinden werden.

   
 

Sie biegen also an der Kreuzung bei "Kaffee siebzig" von der Chaussee ab und fahren auf dem etwas holprigen Damm die Eisenbahn überquerend dem Dorf zu. Bevor Sie die ersten Häuser erreichen, schauen Sie bitte nach rechts, dorthin, wo einen Steinwurf vom Damm entfernt die schlanke Kieferngruppe und der trockene, astlose Stamm stehen: Das ist der Galgenberg. Rechts an der Strasse am Ortseingang fallen Ihnen einige geschwärzte Holzschuppen auf. Auch wenn die Traktoren und die Geräte gerade auf den Feldern arbeiten, können Sie erkennen, dass hier der MTS-Stützpunkt ist; denn die Erde ist ölig, und die beiden Tanksäulen verraten, wer hier seinen Standort hat. Sie vermissen an dieser Stelle Neugebautes; den neuen MTS-Stützpunkt finden Sie erst, wenn Sie das Dorf durchquert haben und zum Ortsteil Demnitz weiter fahren: Ein paar Schritte hinter den letzten Altwigshäger Häusern baut Brigade Laue die neuen Hallen für die Traktoren, die Mähdrescher, die Rübenvollerntemaschinen.
Ihr erster Eindruck, wenn Sie die breite Dorfstrasse entlang fahren, wird sein: Es ist ein altes Dorf. Ja, Generationen Tagelöhner lebten in dem Gesindehaus, und die uralten Linden dort links am Weg haben Generationen von Altwigshägern überlebt.

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Am Tage werden Sie auf der Dorfstrasse und in den Wohnungen wenige Leute antreffen, da müssen Sie schon weiter fahren, dorthin, wo sie arbeiten. Kurz bevor die Dorfstrasse einen Knick nach links macht, verpassen Sie nicht den Weg rechts ab! Er führt zwischen der turmlosen Kirche und dem Schulhaus hindurch, macht einen leichten Bogen nach links und leitet Sie am Seeufer mit seinem Badestrand vorbei direkt zum "Objekt". Rinderställe, Schweineställe, Hühnerställe, Bergehäuser, Siloanlagen – alles erst in den letzten Jahren gebaut, der Stolz der Genossenschaftsbauern.
Wenn Sie in einem günstigen Augenblick kommen, hat der Schweinepfleger Zeit, Ihnen eine der sonst verschlossenen Stalltüren zu öffnen, und nachdem Sie Ihre Schuhsolen desinfiziert haben, dürfen Sie den Schweinestall betreten. "Aber ruhig – pssst!", befiehlt der Schweinepfleger, "die Tiere nicht stören, wenn die jetzt wild werden, verlieren sie gleich ...zig Gramm Fleisch und Fett". Faul und dick liegen da dicht an dicht die Borstentiere.
"Unsere Marktproduktion!", sagt der Schweinepfleger.

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Im Kuhstall können Sie nur etwas sehen, wenn Sie im Winter kommen, die übrige Zeit sind die Rinder auf der Weide. Durch die Fenster eines der Rinderställe allerdings bemerken Sie, dass sich etwas regt im Innern. Das sind Hähnchen, die, so lange die vierbeinigen Bewohner des Stalles auf der Weide sind, gemästet werden. "Unsere Marktproduktion!", sagt das Mädel aus der Geflügelzuchtbrigade, das Sie gerade beim Füttern überraschen, und Sie wissen nun endlich, wie es dort aussieht, wo der Festtagsbraten heran wächst, den Sie in der HO kaufen...
Noch ein Blick über das ganze "Objekt", und Sie kehren zurück ins Dorf. Gleich hinter der Ecke, an der Sie wieder auf die Dorfstrasse kommen, empfängt Sie ein penetranter Geruch; Sie rätseln: Das ist nicht der Duft, den man in der Stadt gewöhnlich "Landluft" nennt. Das geschwärzte Backsteingebäude mit dem Fabrikschornstein, das den Geruch verbreitet, ist der VEB Brennerei, einst ein profitabler Nebenbetrieb des Junkergutes, heute Produktionsstätte für Alkohol, den unsere Volkswirtschaft (nicht nur für Getränke!) braucht. Aber das nur nebenbei; Sie wollen ja das Dorf sehen.

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Gleich hinter der Brennerei zeigt sich Ihnen noch ein weiteres Stück Vergangenheit: das "Schloss". Aber sobald Sie näher heran sind, wissen Sie, das in dieses Haus viel Neues Einzug gehalten hat. Bevor Sie, dem Schild "Rat der Gemeinde" folgend, den Bürgermeister gefunden haben, öffnet sich eine der Türen zu den an die Diele grenzenden Räumen. Heraus tritt – aha, wie kann sie im neuen Dorf fehlen! – die Gemeindeschwester Gertrud. Sie begrüsst Sie, fragt etwas überrascht, aber nicht unfreundlich nach Ihrem Begehr und lässt Sie einen Blick in die Schwesternstation tun. Da sitzen gerade zwei kleine Nackedeis mit dunklen Brillen vor Augen und lassen sich die Höhensonne gut tun. In sauberen Vitrinen und weiss lackierten Schränken allerlei Untersuchungs- und Behandlungsgerät, gerade so, wie Sie es aus Ihrer Betriebspoliklinik kennen...
Plötzlich hören Sie draussen ein munteres Chörlein "Hänschen in der Grube" singen. Tante Renate, die Frau des Genossenschaftsbauern Fiedler, und die junge Kindergärtnerin Ingeborg behüten an die vierzig kleine Altwigshäger in den freundlichen Räumen, deren Tischchen und Stühlchen an die Behausung der sieben Zwerge hinter den sieben Bergen erinnern...

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Der Bürgermeister erklärt sich selbstverständlich bereit, Sie weiter durch das Dorf zu begleiten. Unterwegs erzählt er bestimmt von der Ratssitzung am Abend vorher, die öffentlich unter grosser Beteiligung der Einwohner in einem Ortsteil, einem Wirkungsbereich, stattfand. Während der Bürgermeister über die Sitzung berichtet, fallen Ihnen an der Strasse neben kleinen, niedrigen Häuschen, an denen der Zahn der Zeit nagt, die hellrot bedachten neuen Wohnhäuser auf. Sie fragen den Bürgermeister vielleicht nach diesem oder jenem, von dem wir Ihnen berichteten. "Hier gegenüber der LPG-Gärtnerei wohnen Mählings, daneben wohnt Emil Schulz – er hat gerade einen neuen Zaun gesetzt – und das nächste Haus gehört Willy Lojewski." Der Bürgermeister lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf die lang gestreckte Steinbaracke auf der anderen Seite der Strasse: Das ist die Kultur- und Verwaltungsbaracke der LPG. Ein Notbehelf für die Zeit, bis das Kulturhaus..., aber das wissen Sie ja bereits.

   
 

Vorbei an der neu erbauten ersten Halle des MTS-Stützpunkts fahren Sie drei Kilometer weiter nach Demnitz. Eine ganze Flucht neuer Wohnhäuser, einige sind noch im Bau, beginnt den Charakter des Gutsdorfes zu verwischen, der sich hier noch mehr als in Altwigshagen zeigt, weil Sie auf der Strasse gerade aufs ehemalige "Herrenhaus" zu kommen, das von hohen, langen Scheunen und Ställen flankiert wird. Die Baubrigade der LPG ist vielleicht gerade dabei, eine der Scheunen zu einem Kuhstall umzubauen. Günter Steinborn, der Zweite Vorsitzende der LPG, erklärt Ihnen, dass ein Umbau natürlich billiger wird als ein Neubau. "Vieh ist Trumpf bei uns!", sagt er, "deshalb sind Stallungen wichtiger als Scheunen".
"Habt ihr keine Offenställe?", werden Sie fragen.
"Und ob!" Ihr Begleiter führt Sie hinter die grosse Demnitzer Feldscheune und erklärt Ihnen wie so ein Offenstall funktioniert: Selbstfütterung, Tränke, Auslauf.
"Und die Tiere fühlen sich auch im Winter wohl?"

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"Wohlfühlen ist gar kein Ausdruck", lacht Ernst Helm, der sich gerade zu Ihnen gesellt hat, bevor er in die Melkkoppel geht. Er ist ja jetzt, Sie erinnern sich, Melker in der Tierzuchtbrigade. "Kommen Sie doch mal 'rüber nachher, wenn wir die Kühe von der Weide in die Koppel treiben zum Melken, da können Sie sich davon überzeugen, dass wir gutes Vieh haben."
Der Bürgermeister versteht Ihre Bitte und macht Sie mit einer Bäuerin bekannt, die Ihnen ihre Wohnung zeigt. Sie finden ein behagliches Heim. Reimers haben – wie viele andere – auch einen Fernsehapparat...
Auf der Rückfahrt von Demnitz nach Altwigshagen haben Sie es auf halbem Wege nicht weit vom Damm zur Melkkoppel. Sie fragen nach Heinz Beese. Er ist nicht mehr da: zur Schule. Ernst Helm macht Sie mit seinen Melkerkollegen bekannt. Sie kommen mit den Bauern ins Gespräch, nicht lange, denn die Kühe stehen mit prallen Eutern und wollen gemolken werden. Nur ein paar kurze Fragen: "Wie geht es euch?" – "Wieviel verdient ihr?" Dass es ihnen "ganz gut" geht, darin sind sich alle einig, und der Verdienst: alles in allem, auf AE und aus der Hauswirtschaft, 500, 600, manchmal auch 700 oder 800 Mark im Monat, aber es ist unterschiedlich von Mann zu Mann. "Es geht nach der Leistung..."

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Gerade wollen Sie wieder Ihren Bus besteigen, da hält der Vorsitzende Johann Gromzik sein Moped an, um die Besucher zu begrüssen. "Bevor Sie wieder abfahren", sagt er, "müssen Sie sich unbedingt noch ansehen, wie das Korn und die Rüben stehen! Sauber wie ein Teppich ist es bei uns auf den Feldern", kündigt er an. Sie überzeugen sich davon und verabschieden sich mit guten Wünschen für das weitere Gedeihen der LPG "Fortschritt".

   
 

Wenn Sie erst in ein paar Jahren Ihren Besuch in Altwigshagen machen, wird unser kleiner Reiseführer allerdings nichts mehr taugen. Er wird überholt sein, denn das Dorf, das erst begonnen hat, seine Geschichte zu machen, das vor wenigen Jahren aus der grauen Vorgeschichte auftauchte, beeilt sich, auch mit dem Letzten, das nicht in die neue, sonnige Zeit hinein passt, aufzuräumen. Die Menschen geben dem Ort ein neues Gesicht, wie sie sich selbst erneuert haben.
Wenn die dritten sieben Jahre im ersten Jahrhundert der neuen Geschichte des siebenhundertjährigen Dorfes vergangen sein werden, dann..., ja dann... Ich möchte davon schreiben, wie es dann in Altwigshagen aussehen wird, aber es ist schwer, weil die Phantasie kaum ausreicht. Viel hörte ich die Genossenschaftsbauern über ihren Siebenjahresplan sprechen, ich hörte sie schwärmen und vom Geplanten reden, als wäre alles schon da. Unvorstellbar ist nicht, dass sie aus dem Plan Häuser, Strassen, Grünanlagen, Milch, Eier, Fleisch und Brot machen – diese Menschen können Berge versetzen. Es ist nicht einfach zu begreifen, dass die Geschichte des neuen Dorfes, die wir heute erst mit ein- und zweistelligen Jahreszahlen bemessen können, in Umwälzungen besteht, hinter denen Jahrhunderte versinken. Die Menschen, die das vollbringen, schreiben mit ihrer Arbeit und mit dem Aufbau des neuen, sozialistischen Dorfes Ruhmesblätter der Geschichte des Staates der Arbeiter und Bauern.
"Es herrscht kein Herr mehr, und es dient kein Knecht, es herrscht ein freies menschliches Geschlecht."
Doch nie soll vergessen werden, dass vor unserer Zeit eine andere war, da es Herren und Knechte gab. Wenn in ein paar Jahren am Maientag in der Nähe des Altwigshäger Galgenberges in den Sportanlagen, auf den Spielwiesen und im Kulturhaus fröhliches Gewimmel sein wird, dann tanzen die Mädchen den Tanz der Freude und des Frohsinns, und sie vollenden das Lied der neuen Erde mit Strophen vom neuen Menschen.

 

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