Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [3]

 

 

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NACH SIEBENHUNDERT JAHREN
       
 

Siebenhundert Jahre lang wohnten im Herrenhaus, im Schloss, die einen, die Feste feierten und Mädchen erhängten, in den Holz- und Lehmhütten, in den Katen, die anderen, die das Gold vom Felde holten und das Gesinde des Herrn zeugten.
Ein Feudalherr aus dem Geschlecht derer von Schwerin gründete im 13. Jahrhundert den Besitz von Altwigshagen. Die Ländereien und die Leibeigenen kamen 1677 durch Tausch an die Familie von Borcke. Ein Erbstreit derer von Borcke endete mit einem Frieden, auf den noch der Name Borckenfriede (Bahnstation von Altwigshagen) verweist.
Die Jahrhunderte gingen ins Land. Dass die Leibeigenschaft der Untertanen des Gutsherrn aufgehoben wurde, änderte nicht viel an ihrem Leben. Nur so viel hatten sie gewonnen, dass sie wählen konnten, auf welchem Gut sie sich schinden und sich plagen lassen wollten. Und auch das nur in gewissen Grenzen. Herr blieb Herr, und Knecht blieb Knecht.

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1921 heiratete ein Freiherr von Maltzan in die Borckesche Familie ein und übernahm mit seiner Helene von Borcke Gut Demnitz, das vorher zum Altwigshäger Besitz gehört hatte, dazu 227 Rinder, 36 Pferde, 221 Schweine und 20 Landarbeiterfamilien.
Altwigshagen selbst mit 158 Rindern, 47 Schweinen, 25 Pferden und 30 Landarbeiterfamilien liess Herr von Borcke im Jahr 1928 fast pleite gehen. Administratoren hielt es es knapp über Wasser, bis die zweite Tochter von Borckes einen Bürgerlichen heiratete, der das Gut ohne Erbrecht übernahm – er war ja bürgerlich! Der erste Sohn der geborenen von Borcke sollte Erbe werden. Die Familie von Borcke stammt – wie die Chronik berichtet – von einem slawischen Fürstengeschlecht ab, das sich nach der gewaltsamen Eroberung des von Slawen bewohnten mecklenburgischen und pommerschen Raumes mit den deutschen Eindringlingen verbrüderte, sehr zum eigenen Vorteil mithalf, die slawische Bevölkerung fast auszurotten, die Masse der deutschen Siedler aber zu unterjochen und zu Leibeigenen zu machen. Der Name Borcke bedeutet zu deutsch "Wolf". Fürwahr ein wölfisches Regime, das die von Borcke auf ihrem Gut führten.

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Man soll nicht ungerecht sein. Die Borckes taten dann und wann auch etwas für ihre Leute. Zum Beispiel bauten sie 1908 eine Schule in Altwigshagen. Nicht für die herrschaftlichen Kinder. Die gingen in die Stadtschule in Anklam. Sie sollten ja mehr lernen als die Tagelöhnerkinder. Immerhin, Altwigshagen bekam seine Schule. Um aber ganz ehrlich zu sein, wollen wir auch sagen, dass nicht Herr von Borcke den Bau bezahlte, sondern der Staat. Bauland stellte die Kirche. Staat und Kirche waren sich einig darin, dass die Schule nicht nur zum Lernen dienen sollte. Herr von Borcke, beider treuer Diener, war die treibende Kraft beim Schulbau. Ganz selbstlos dachte er dabei allerdings nicht. Der Bau der Schule war nämlich nicht mehr zu umgehen. Immer mehr Landarbeiterfamilien zogen es vor, in einem Ort zu wohnen und zu arbeiten, wo die Kinder zur Schule gehen konnten. Von Borcke hatte Sorge um seine Arbeitskräfte. Die Leute wollen ihre Gören was lernen lassen? Sollen sie lernen. Aber wenn schon, dann das, was mir, ihrem Herrn, der Kirche und der Obrigkeit nützlich ist!
Der Lehrer bekam siebzig Mark Gehalt im Monat.

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Die Schule, die in Altwigshagen im Namen des Kaisers, des Junkers und der gütigen Kirche gebaut wurde, verfehlte ihren Zweck nicht. Die Kinder lernten lesen und schreiben, und namentlich die Jungen lernten auch, was sie dem Kaiser und später seinem braunen Nachfolger schuldig waren.
Im ersten Weltkrieg blieben fünf Altwigshäger auf den Schlachtfeldern. Rittmeister von Borcke kam zurück auf sein Schloss.
Im zweiten Weltkrieg fielen fünfzehn aus der Gemeinde. Fünfzehn teure Söhne verbluteten für eine schlechte Sache, für einen schlechten Staat, mit dem die Borcke und Maltzan gemeinsame Sache machten.
Die Sieger dieses Krieges, die Söhne sowjetischer Arbeiter und Bauern, setzten dem Blutvergiessen ein Ende, und sie machten auch diesem Staat ein Ende.

   
 

Den Junker liessen die Altwigshäger nicht wieder ins Dorf. Frei sein und Brot vom Korn der eigenen Scholle essen, das war sieben Jahrhunderte lang die Sehnsucht der Bewohner der Katen gewesen. Jetzt war die Freiheit da. Sie nahmen die Scholle.
Die Bodenreformkommission geleitet in Altwigshagen (mit den Ortsteilen Borckenfriede und Finkenbrück) von Hermann Blank, in Demnitz von Johann Gromzik, ehemaligen Gutsarbeitern, verteilten die Ländereien der beiden Güter, dazu das Vieh, das der Krieg übrig gelassen hatte, Gebäude und Gerätschaften an die neuen Bauern, die Neubauern. Ausser den sechzig ehemaligen Gutsarbeitern erhielten vierunddreissig Umsiedler Bodenreformland.

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