Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [30]

 

 

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...ABER ETWAS STIMMT DA NICHT
     
 

"... das Dorf beeilt sich, auch mit dem Letzten, das nicht in die neue, sonnige Zeit hinein passt, aufzuräumen." Dieser Satz auf der vorigen Seite, die unsere Aufzeichnungen eigentlich abschliessen sollte, wurde im Frühsommer 1959 geschrieben. Und wir fügten damals noch den Satz hinzu: "Die Menschen geben dem Ort ein neues Gesicht, wie sie sich selbst erneuert haben."
Wieviel Hochachtung vor Kraft und Kühnheit der Genossenschaftsbauern damit auch ausgedrückt werden sollte – was wir meinten, was sich wirklich im Dorf wandelt, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, dem werden jene Worte nicht gerecht. Es geht ja gar nicht nur um das neue Gesicht, genau so wenig, wie es im Wettbewerb um das schöne, sozialistische Dorf nur und in erster Linie um schöne Gartenzäune und sauber beschnittene Hecken geht. Die Schönheit kommt mit dem Stolz auf jeden Liter Milch, der mehr erzeugt wird, als vorher ausgerechnet wurde. Denn wer Grösseres leistet, schaut selbstbewusster in die Welt. Dieses Selbstbewusstsein macht auch das ehedem verhärmte Gesicht schön. Das ist so beim einzelnen, und das ist so beim Kollektiv einer Genossenschaft, einer Gemeinde.

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Im Februar 1960 hatte der Verlag zusammen mit dem Ortsausschuss der Nationalen Front die Altwigshäger eingeladen, sich über das "alte Dorf und die neuen Menschen" auszusprechen. Es wurde ein Leseabend, der leider sehr spät stattfand, weil sich die Herausgabe des Büchleins verzögerte. Gewiss, einiges hätte – veranlasst durch die Kritik der Genossenschaftsbauern – auch schon früher verbessert werden können, wenn wir eher mit dem Manuskript nach Altwigshagen gefahren wären. Doch etwas viel Wertvolleres erfuhren und notierten wir durch diesen Umstand für 1960.
Es muss voraus geschickt werden, dass die LPG "Fortschritt" ihr Ziel für 1959, vom Ende dieses Jahres ab keine staatlichen Zuschüsse mehr in Anspruch zu nehmen, erreicht hat. 1958 war der reale Wert der Arbeitseinheit nicht viel höher als 2,– Mark. 1959 kamen 7,01 Mark heraus.
"Jetzt liegen wir unserem Staat nicht mehr auf der Tasche", sagte Johann Gromzik. Und dieser Gedanke – die Genossenschaft und unser Staat – beherrschte auch unsere Aussprache.
Die Genossenschaftsbauern könnten mit dem Ergebnis von 1959 zufrieden sein. Aber sie waren und sind es nicht; denn sie stellten gleich die nächste Frage: Dass uns der Staat kein Geld mehr zu geben braucht, ist doch eigentlich selbstverständlich. Bisher hat er uns geholfen, jetzt müssen wir überlegen, wie wir unserem Staat helfen können.

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Als das 7. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands festgestellt hatte, die Ziele der Landwirtschaft, die der Siebenjahresplan bis 1965 vorsieht, müssten schon früher erreicht werden, weil auch die Bedürfnisse der ganzen Bevölkerung schneller wachsen, machten sich die LPG-Mitglieder ernste Gedanken darüber. Wie in Golssen und Jesewitz, so auch in Altwigshagen: die Parteiorganisation der SED arbeitete den ersten Vorschlag für einen neuen Plan 1960 aus. In Brigadeversammlungen prüften die Genossenschaftsbauern die neuen Zahlen und erhöhten sie zum Teil noch.
Bei unserem Leseabend mögen sich die Altwigshäger herausgefordert gefühlt haben: Sie legten ihren neuen Plan auf den Tisch. "Altes Dorf und neue Menschen"? Das alte Dorf wandelt sich, ist schon ein anderes geworden. Wofür aber haben die Menschen das Dorf verändert? Anfangs, weil sie selbst aus der Misere der alten Lebensverhältnisse heraus wollten. Dabei sind sie andere Menschen geworden. Jetzt fühlen sich die Bauern nicht mehr nur verantwortlich für sich selbst und die eigene Familie, sondern für die grössere Familie, die Genossenschaft. Von der Genossenschaft aber erwarten sie, dass sie sowohl für den Bauern als auch für den Staat mehr und Besseres bringt. Und das so schnell wie möglich.

Diese Tabelle hier ist ein Dokument des Neuen in Altwigshagen. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen.

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je ha

erreicht
1959

alter Plan
1960

neuer Plan
1960

sp

Getreide

22,61 dz

25,5 dz

25,51 dz

Ölfrucht

 

14,0 dz

14,53 dz

Kartoffeln

140,0 dz

190,0 dz

193,37 dz

Silomais

480,0 dz

510,0 dz

510,0 dz

Zwischenfrüchte

14 %

25 %

25,52 %

Fleisch insges.

88 kg

175 kg

204,53 kg

spRindfleisch

40 kg

60 kg

84,01 kg

spSchweinefleisch

37 kg

115 kg

115,02 kg

spGeflügelfleisch

3,5 kg

3,5 kg

5,5 kg

Milch

584,2 l

960 l

1000 l

Eier

317 Stck.

325 Stck.

450 Stck.

Viehbestände je 100 ha

   

Rinder

61,23

90,00

103,70

spKühe

21,83

39,00

42,00

Schweine

70,01

100,00

112,60

spSauen

7,82

11,00

12,36

Geflügel

284,57

450,00

517,00

spLegehennen

 

325,00

366,00

 

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Nächstes Jahr werden es noch höhere Zahlen sein, Zahlen als Kampfziele von Bürgern mit sozialistischem Elan. Im Bestand an Kühen und Schweinen pro ha wird die LPG Altwigshagen 1960 Westdeutschland erreichen und zum Teil erheblich überbieten. Der Kampf wird weitergehen.
Das also war das eine, was an diesem Abend so deutlich wurde. Was wir nach diesem Abend noch erfahren würden, wusste Hermann Blank wohl schon besser, als er an den Autor gewandt sagte: "Jetzt musst du noch mal mindestens acht Tage herkommen und dir mehr von uns erzählen lassen, dann bekommt das Buch erst den richtigen Schluss."
In der Tat gab es manche Überraschung, als wir dann das nächste Mal ins Dorf kamen.
Auf der Dorfstrasse an der Ecke vor der Brennerei hält mich eine Genossenschaftsbäuerin an. Ich hatte sie im Sommer oft gesehen, aber nie mit ihr gesprochen. "Ihnen gefällt es wohl bei uns, dass Sie schon wieder da sind", sagte sie, als sie mir ein freundliches "Guten Tag" zurück gegeben hat.
"Wie sollte es mir hier nicht gefallen? Aber ausserdem bin ich her bestellt worden..."
"Ja, ich weiss, acht Tage sollen Sie noch bleiben. Ich war doch neulich auch da."

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Nach einer kleinen Pause fährt sie fort: "Was Sie geschrieben haben, stimmt wohl sonst alles, aber etwas ist doch nicht ganz richtig." Trotz meiner Frage, was ich falsch geschrieben hätte, sagt sie nur noch: "Lassen Sie sich das von anderen sagen. Nach dem Abend, an dem Sie vorgelesen haben, ist im Dorf viel darüber gesprochen worden."
Wenige Stunden später bin ich bei einer Bauernfamilie zu Gast. "... aber etwas stimmt da nicht." Das bekomme ich auch hier zu hören. Und am nächsten Tag sagen es mir wieder andere: "... aber etwas stimmt da nicht."
Eine schlimme Lage. Die Altwigshäger hatten mir bisher jede Frage beantwortet. Warum will mir jetzt niemand helfen, den Fehler, den ich offenbar gemacht habe, zu finden und zu korrigieren?
Johann Gromzik wird mir sagen, was los ist. Ich treffe ihn vor dem LPG-Büro. Vielleicht ahnt Johann, was mich zu ihm führt. Ohne dass ich ihn gefragt habe, bittet er mich in sein Zimmer zu kommen. Er habe etwas mit mir zu besprechen.
Nichts Besonderes sei es, beginnt er. Im Dorf sei nach dem Leseabend viel über das Buch debattiert worden. Natürlich freuen sich die Altwigshäger darüber, dass über ihre Gemeinde, ihre Genossenschaft ein Buch geschrieben wird. Aber gerade weil sie sich darüber freuen, wollen sie, dass auch alles richtig ist in diesem Buch.
Ich unterbreche Johann. Einige Genossenschaftsbäuerinnen und Genossenschaftsbauern, sage ich, hätten angedeutet, dass etwas ganz Bestimmtes nicht richtig sein solle in meinem Manuskript. Aber niemand habe mir gesagt, was es sei.

 
 

"Ja, weisst du", antwortet Johann Gromzik, der erfahrene Genossenschaftsbauer, der Menschenkenner, "so etwas Bestimmtes ist es eigentlich gar nicht, und man kann auch nicht sagen, dass etwas falsch wäre in deinem Manuskript. Aber trotzdem ist es nicht ganz in Ordnung.
Du hast da über Günter Steinborn geschrieben, über Hermann Scheel, Emil Schulz und viele andere. Sie sind aber gar nicht alle so, wie man sie sich vorstellt, wenn man das Buch liest und sie nicht kennt. Günter Steinborn ist jahrelang gegen die LPG gewesen. Als er dann endlich eintreten wollte, wäre es ihm nicht recht gewesen, als Genossenschaftsbauer mit der Mistgabel arbeiten zu müssen. Er wollte etwas sein in der Genossenschaft. Wir haben ihn zum Zweiten Vorsitzenden gemacht, weil er ein guter Bauer ist und der LPG viel geben kann. Denn wir brauchten tüchtige Bauern. Aber ein besonders guter Genossenschaftsbauer – ich meine nicht nur seine Arbeit, sondern ich meine den ganzen Menschen – ist er noch nicht." Johann betont das "noch". Er weiss, dass Günter Steinborn, dass auch alle anderen immer mehr von den alten Gewohnheiten, die sich nur um das eigene Ich drehten, ablegen.

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Der Vorsitzende spricht weiter, ruhig und besonnen, wie er immer spricht. Mir scheint, in diesem Augenblick verliert sich das sonst immer um Mund und Augen spielende Lächeln. "Hermann Scheel", sagt er, "kann uns viel helfen, er ist Brigadier, und er ist nicht schlecht. Aber er ist nicht immer gut. Wer das aber liest, was du über ihn geschrieben hast, muss doch denken, der Hermann Scheel ist so ein Kerl." Johann schliesst sein rechte Hand zu einer Faust und hebt den Arm zu jener Geste, die bei den Worten "so ein Kerl" üblich ist. Ich lese in den Augen dieses Mannes, der sich um seine Genossenschaft mehr sorgt als um sich selbst, wie gern er das jetzt ohne ein Aber sagen würde, wie gern er sagen würde: Hermann, das ist so ein Kerl! Doch er muss die Dinge beim Namen nennen, meint er. "Auch Hermann Scheel ist noch nicht so weit."
Endlich weiss ich, was mit der angedeuteten Kritik an meinem Manuskript gemeint war. Sie sind der Ansicht, ich hätte aus ihnen Menschen gemacht, die sie noch nicht sind. Das war der Vorwurf gegen mich. Ich nehme diesen Vorwurf ernst, und weil ich ihn ernst nehme, schreibe ich darüber.

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Günter Steinborn hat die Fessel der Einzelwirtschaft, des Einzelwirtschaftens, des Nur-ich-seins, überwunden. Er war an jenem 1. Mai, als er sich entschloss, Mitglied der Genossenschaft zu werden, noch kein fertiger Genossenschaftsbauer. Er war noch nicht vom Ich zum Kollektiv gekommen. Aber selbst er, der mit seinem Denken im Grunde noch im Widerspruch zur Produktionsgenossenschaft stand, fand den Weg zur Genossenschaft. In keinem Land wird der Sozialismus von vollendeten Sozialisten aufgebaut. Die Menschen, die den Sozialismus verwirklichen, werden mit diesem Werk selbst sozialistische Menschen.
Jeder dieser neuen Menschen, die sie heute schon sind, trägt dies und jenes aus dem Erbe der Vergangenheit mit sich herum. Es tritt bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger hervor. Neue Menschen im alten Dorf, Menschen, die aber erst vor kurzem den Schritt vom Ich zum Wir getan haben, Menschen mit Widersprüchen. Doch sie bauen den Sozialismus auf. Sie schaffen das schöne, sozialistische Dorf.

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