Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [4]

 

 

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AUF DEN GÜTERN
     
 

Jedes Jahr am 8. Mai legt eine Delegation der Gemeinde Altwigshagen am Ehrenmal im benachbarten Ferdinandshof einen Kranz für die Sowjetsoldaten nieder, die ihr Leben für die Befreiung Deutschlands vom Faschismus liessen.
"Der 8. Mai hat uns ehemaligen Landarbeitern die Befreiung von Faschismus und Krieg und die Befreiung von der Junkerherrschaft gebracht." Das sagte ein ehemaliger Arbeiter vom Gut Demnitz am vierzehnten Jahrestag der Befreiung am Ehrenmal in Ferdinandshof. Es war Johann Gromzik. Er ist heute Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft "Fortschritt" in Altwigshagen-Demnitz.

  klix
 

Johann Gromzik hatte sich in den vierzehn Jahren selten Gedanken über die Vergangenheit gemacht, immer gab es Arbeit und Sorgen, die für solche Überlegungen wenig Zeit liessen; aber wenn schon, dann sann er darüber nach, wie es künftig besser voran gehen könnte. Auch an diesem 8. Mai beschäftigte ihn die Sorge um das Gedeihen der LPG mehr als das, was früher war. Als wir nach der Kranzniederlegung miteinander sprachen, gab ihm jedoch unser Gesprächsthema – ein Jugendlicher hatte am Tag vorher die Arbeit geschwänzt, obwohl viel zu tun war – Anlass, aus seinem Landarbeiterleben zu erzählen. So erfuhr ich manche denkwürdige Episode aus seinen Plagejahren.
"Unsere Jungen wissen gar nicht, wie gut sie es heute haben", begann er. "Als ich so alt war, da musste ich anders ran..."

   
       
 

Der Inspektor von Gut Wietstock reitet auf seinem Fuchs durch die Felder. Die Roggensaat wächst für die Ernte 1924. Abermillionen Pflänzchen strengen sich an, den Acker mit einem weichen grünen Tuch zu bedecken. Neben dem Roggenschlag sollen in diesem Jahr Kartoffeln gepflanzt werden. Noch ist der Boden grau und steinig. Es sind faustgrosse und kopfgrosse Steine, unzählige wie Nüsse, aber auch etliche fast wie Kürbisse. Die grossen müssen jetzt vom Feld getragen werden.
Der Inspektor befiehlt: "Gromzik, Sie sammeln heute mit der Kolonne Steine vom Kartoffelacker!"
Johann Gromzik tut, was ihm gesagt wird. Schon als Kind musste er auf seines Vaters Äckern Steine sammeln. Es machte ihm damals Vergnügen, zu zählen, wie viele er von jedem Feld trug. Und er wunderte sich, dass die Steine nie alle wurden: Jedes Jahr im Frühling waren neue da.
"Wo kommen die Steine wieder her?" fragte er den Vater einmal.
"Der Teufel hat sie gesät", war die Antwort, die den Knaben befriedigen musste.

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Seit jenen Jahren kann Johann Gromzik keine unsauberen Felder leiden. Mögen es Steine, mag es Unkraut sein, es muss herunter. "Brot soll wachsen", sagt er heute noch, wenn er im Vorübergehen eine Beifuss- oder Hederichstaude ausreisst, und: "Das ist vom Deibel!"
So trägt er an jenem Frühjahrstag auf dem Gut Wietstock Steine in ein Wasserloch, und er tut es mit einer Befriedigung, die Armen und Beinen Schwung und Kraft gibt und die Arbeit munter voran gehen lässt.
Johann und die Kameraden der Kolonne haben jeden Stein weit zu tragen, denn der Schlag ist gross. Zwischen dem Kartoffelacker und dem Wasserloch liegt das Roggenfeld. Den Roggen zu umgehen, würde viel Zeit kosten, und viele Steine sind es. Die Steinträger waten vorsichtig durch die Saat.
Am Abend ist der Riesenschlag sauber. Die Kolonne kehrt müde ins Dorf zurück. Und da steht schon der Inspektor, der sie empfängt. Was will er?

   
 

"Eine Mark kriegt jeder abgezogen", fährt er die Arbeiter an, "weil ihr durch den Roggen gelatscht seid!"
Alle Flüche, die dem Inspektor nach geschickt werden, als er in der Gutsverwaltung verschwindet, helfen nicht. Was hilft, wer hilft den Landarbeitern überhaupt?
Johann Gromzik denkt zum ersten Mal in seinem Leben darüber nach. Seit drei Jahren arbeitet er auf Gütern. Jetzt ist er achtzehn. Sein Vater konnte auf der kleinen Wirtschaft in Ostpreussen nicht alle acht Kinder satt machen. Zwei gingen in die Ruhrzechen, Johann und seine Schwester verdingten sich auf Gütern.
Mit fünfzehn Jahren fing er auf Gut Blankenburg in der Uckermark an. Als die Blankenburger Landarbeiter gemeinsam mit den Schnittern um höhere Löhne streikten, prügelten der "Statthalter" und eine Schar Aufseher die Streikenden, unter ihnen auch Johann Gromzik, aus der Schnitterkaserne.

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Die Not des Elternhauses, die Schufterei für sechs oder sieben Pfennig die Stunde, die Antreiberei, die Prügel – das wurde Johann zum unabänderlichen Geschick. Wenn er nachdachte, so doch kaum darüber, ob es möglich sei, dieses Leben zu verändern. Selbst den Streik, zu dem die eingesessenen Landarbeiter von Gut Blankenburg aufgerufen hatten, nahm Johann als etwas, was zum Landarbeiterleben gehörte wie das Gewitter zum Sommer.
Aber jetzt diese Gelegenheit, diese Halsabschneiderei mit der Mark Strafe in Wietstock! Johann denkt an den Streik in Blankenburg. Die Arbeiter in den Fabriken, so hat er gehört, erreichten schon manches, weil sie zusammen hielten und gemeinsam etwas unternahmen. Vor ein paar Jahren sollen Arbeiter in Stadt und Land durch gemeinsamen Streik sogar den Putsch irgendeines Von-und-zu in Berlin zertrümmert haben...
Johanns Gedanken zerstreuen sich, weil er jetzt an das Stück Brot denken muss, das er morgen und übermorgen essen will. Aber unter dem Halsabschneider in Wietstock will er nicht mehr arbeiten. Er packt sein Bündel und verlässt das Gut. Geschunden werde ich auch anderswo, aber ausbeuten lasse ich mich nicht!
Er weiss noch nicht, dass er ausgebeutet wird, solange er auf Güter arbeiten geht. Unter Ausbeutung versteht er Betrug, so wie das mit der Mark. Warum der Gutsbesitzer reich und er ein armer Teufel ist, zu dieser Frage findet der Landarbeiter der Weimarer Republik noch nicht.

   
 

Auf Gut Demnitz, nicht weit von Wietstock, wird Johann freundlich aufgenommen; denn Landarbeiter sind knapp. Viele gehen in die Fabriken. Für fünfundzwanzig Mark in der Woche wird Gromzik Vorarbeiter. Er wirbt einige Leute für das Gut – das ist Sache des Vorarbeiters – und fängt an zu arbeiten. Als Vorarbeiter müsste er es mit dem Gutsherrn und dem Inspektor halten. Er müsste seine Leute antreiben, wie Oberinspektor Müller es von ihm verlangt.
"Kommt nicht in Frage", sagt Johann.
"Und wenn ich das sage, dann wird das so gemacht", schreit der Oberinspektor.
Der Vorarbeiter hindert einen seiner Leute, Konrad Faber; nicht, den Oberinspektor den Hackenstiel spüren zu lassen.
Jetzt nicht nachgeben, sagt sich Johann. Johann Gromnik lernt, dass der Arbeiter kämpfen muss. Die Kolonne legt die Arbeit nieder, und... Oberinspektor Müller muss klein beigeben.

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