Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [5]

 

 

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ALLE ZEIT GUTES TUN nuet
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Es ward Johann wahrlich nicht an der Wiege gesungen, dass er einmal einen landwirtschaftlichen Grossbetrieb von mehr als 1300 Hektar leiten würde. Die Altwigshäger und Demnitzer Genossenschaftsbauern sagen, Johann sei kurz, manche sagen auch, er sei hart. Das Leben, der Kampf des Landarbeiters um Brot und Recht haben ihn hart gemacht. Hart gegen Unrecht und Rückständigkeit, kurz im Entschluss zu handeln, alle Zeit Gutes zu tun.
An einem Sonnabend Anfang Februar des Jahres 1942 feiert ein SA-Trupp in der Altwigshäger Gegend auf seine Weise irgend einen "Sieg" an irgend einem Abschnitt der "Ostfront". Es ist die Zeit der Sondermeldungen. Ein Jahr vor Stalingrad.
Durch den ruhigen kalten Februarabend in Demnitz gellen Hilfeschreie von der Polenbaracke herüber. Frau Gromzik weckt ihren Mann.
"Johann", sagt sie, "das sind die Polen, da ist was los. Du musst dich drum kümmern!"
Johann kleidet sich notdürftig an und läuft zur Baracke der polnischen Kriegsgefangenen, die auf Gut Demnitz billiger Ersatz für die eingezogenen Landarbeiter sind.

  klix
 

Betrunkene SA-Leute schlagen blindlings auf die Polen ein, von denen mehrere schwer verletzt am Boden liegen, als Johann eintritt.
Die SA grölt: "Polenschweine, ihr kommt noch alle dran... Nach dem Endsieg. da brauchen wir euch nicht mehr... Da hast du's, du Schwein...!"
Gromzik reisst einem der Schläger den Knüppel aus der Hand. "Lasst die Menschen in Ruhe!", ruft er so laut, dass die SA-Leute, einen Augenblick ernüchtert, einhalten. "Die Polen sollen bei uns arbeiten, und ihr schlagt sie zu Krüppeln. Und schliesslich sind das auch Menschen, und die schlägt man nicht! Habt ihr denn kein Herz im Leibe?"
Gromzik besinnt sich seiner Worte erst, als die Rowdys, wütend über die Störung der Exekution, von dannen gezogen sind und blutende Polen ihm. dem deutschen Landarbeiter, dankbar die Hand reichen.

   
 

Wenige Tage darauf wird Johann Gromzik eingezogen. Er muss weg, weit weg. In Siegen in Westfahlen muss er sich stellen. Die Kriegswogen spülen ihn in fremde Länder. Johann aber bleibt, wie er war. Der Arm, der dem SA-Schläger den Knüppel entwand, hatte seine Kraft aus dem gleichen Herzen, das ihm im südfranzösischen Lyon befiehlt, hungernden Kindern zu essen zu geben. Hinter dem kleinen vergitterten Zellenfenster, hinter das er dafür gesteckt wird, reift in dem gleichen Hirn, das sich damals gegen Ausbeutung und Schinderei wehrte, die Erkenntnis, dass man die Menschen einteilen muss, einteilen in gute und böse. Unter den Tagelöhnern auf den Gütern hat er keine bösen gefunden. Von einem Gutsbesitzer oder Inspektor hat er nie Gutes erfahren.

  junkerleben
       
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