Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [6]

 

 

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DER ANFANG DER FREIHEIT
     
 

Als eines Tags hervor aus ihren Katen
Die Bauern traten und vereinten sich
Und sie des Schlosses Schwelle übertraten,
Da glänzte auch die Erde feierlich.
Es wurde auch die Erde umgeboren.
als über sie, befreit vom Herrentum,
Hinzogen die Kolonnen der Traktoren
Und pflügten den uralten Boden um.
Da schien auch sie, die Erde, mitzusingen,
Als eines Tags, vom Herrentum befreit,
Aufbrach das Dorf, die Ernte einzubringen,
Und sang das Hohelied der Fruchtbarkeit:
Es herrscht kein Herr mehr, und es dient kein Knecht,
Es herrscht ein freies menschliches Geschlecht.

("Lied der neuen Erde" von Johannes R. Becher)

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Menschen wie Johann Gromzik legten sich nach der Bodenreform in die Sielen, um die Freiheit zu nutzen. Bis auf fünfzehn, die der faschistische Krieg getötet hatte, kehrten die Männer aus der Kriegsgefangenschaft heim, manche früher, manche später.
Einige Frauen übernahmen allein die Anwesen. So auch Frau Asmus. Drei kleine Kinder muss sie ernähren. Aber noch hat sie kein Vieh, keine Geräte, um das Feld zu bestellen. Notdürftig helfen ihr andere aus. Da wird eines Tages ein Transport Rinder aus Thüringen gemeldet. Johann Gromzik, der Vorsitzende der Bodenreformkommission, muss das Los entscheiden lassen, wer welche Tiere bekommt.
Das Los kennt nicht die Not, sagt sich Johann. Frau Asmus muss aber am dringendsten geholfen werden. Unter den Thüringen-Rindern sind einige hochtragende Sterken. Was ist nun gerecht: das Los entscheiden lassen, wer die besten Tiere bekommt? Vielleicht bekommt die hilflose Bäuerin mit den drei Kindern aber eine von den schwachen, halb verhungerten Sterken? Johann Gromzik setzt gegen einige Bauern, die sich nicht die Loschance mindern lassen wollen, durch, dass Frau Asmus ausser der Reihe eine hochtragende Sterke bekommt.

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Es gab Bauern in der Gemeinde, die danach nicht gut auf Gromzik zu sprechen waren. Doch er hatte geholfen. Das war ihm das wichtigste.
Über diese Zeit zu reden, halten die Genossenschaftsbauern von Altwigshagen heute nicht mehr für wert. Wenn ich sie fragte, wie sie damals, als sie die Schwelle des Schlosses überschritten hatten, arbeiten und leben mussten, so dauerte es meist einige Augenblicke, bis ihre Erinnerung wieder wach wurde.
Erich Mähling ist in der LPG Pferdepfleger. 1946 erhielt er von der Bodenreform Land, einen Ochsen und eine Sterke. Auf dem Gut war er Gespannführer gewesen, als Freiarbeiter, als Lohnarbeiter ohne Deputat, mit achtzig Pfennig in der Stunde.
Im Frühjahr 1946 pflügte er zum erstenmal eigenen Acker. Saatgut und Dünger waren notdürftig durch das Bauernhilfskomitee beschafft worden. Die Arbeit war schwer. Der Bauer opferte der eigenen Scholle nicht weniger Schweisstropfen als früher dem Herrenland. Und die Ernten der ersten Jahre waren nicht gut.
Die Bodenreform hatte ihnen Land gegeben. Sie waren freie Bauern. Aber was für ein Leben war das? Was hatte ihnen die Freiheit gebracht? Vor dem Verzagen bewahrten sie nur die ermutigenden Worte der Arbeiter, der Funktionäre der Partei der Arbeiterklasse, die den Bauern erklärten, dass Arbeiter und Bauern gemeinsam die Not der Nachkriegszeit überwinden müssten.

   
 

Erich Mähling arbeitet angestrengt. Zu zweit geht es leichter, sagt er sich, und heiratet ein fleissiges und tüchtiges Mädel aus dem Dorf. Beide ringen ihren paar Morgen mühsam kärgliche Erträge ab.
Und dann kommen die Erfasser und wollen das Soll. Sie sprechen mit ihm. Die Stadt wolle doch auch mehr essen; und die Industriearbeiter würden ihm bald neue Maschinen liefern; und in der Ziegelei könne man keine Kühe halten, wohl aber Steine brennen, damit der Bauer Haus und Stall errichte. Und sie erfassen.
Die Maschinen der neu gegründeten MAS nehmen den Bauern endlich die schwere Feldarbeit ab, für die die schwachen eigenen Zugkräfte nicht ausreichen. Mit den Traktoren kommt neue Hoffnung auf die Äcker und in die Bauernstuben.
Erich und Grete Mähling sind den Traktoristen dankbar. So wird es endlich gehen. Bis auf die Eier erfüllen sie das Soll, und bald reicht es für freie Spitzen.

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Eine böse Krankheit reisst Grete Mähling jäh aus der Arbeit. Monatelang liegt sie im Krankenhaus. Erich steht vor unüberwindlichen Schwierigkeiten. Selbst die gegenseitige Hilfe vermag nicht, die Wirtschaft zu halten: Alle haben zu viel mit sich selbst zu tun; die meisten denken auch zuerst an sich selbst, wer will es ihnen verübeln? An seinem Ackerrain, an seinem Koppelzaun, hinter dem eigenen Misthaufen hat das Interesse des Bauern seine Grenze.
Erich Mähling sucht sich in der Stadt Arbeit. Schweren Herzens, denn er ist in der Landwirtschaft gross geworden, er liebt das Land trotz der verzehrenden Schwere der Arbeit. Er weiss noch nicht wie, aber er redet sich immer ein, dass er wieder nach Altwigshagen zurückkehren müsse. Einem Schlag, wie er das mutig in die Zukunft schauende Ehepaar Mähling traf, hielt die Wirtschaft des einzelnen Bauern nicht stand.

In jenen Jahren gab es in Altwigshagen nur wenige Bauern, die nicht fleissig arbeiteten. Die einen verstanden es mehr, die anderen weniger, ein bisschen zu spekulieren und an durchziehende Schwarzhändler Butter und Eier, Kartoffeln und Korn für viel Geld zu verkaufen. Der eine hatte mehr, der andere weniger Glück. Der eine fand sich eher, der andere später damit zurecht, selbstständig die Fruchtfolge zu planen, den Acker zu düngen und das Vieh aufzuziehen. Die einen hatten reichlichen, die anderen knappen Stallraum. Einige wohnten bequem, andere in Notunterkünften mit fünf oder sechs Köpfen in einem Zimmer des Schlosses.

  weide
       
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