Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [7]

 

 

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WER GIBT DEM BAUERN WAS?
     
 

Als die erste Not überwunden war, der Bauer nicht mehr darbte, da wurde öfter und öfter davon gesprochen, dass man bauen müsse. Der Bauer wollte seinen eigenen Hof. Was ist das schon für ein Bauer, der nicht um ein eigenes Haus einen eigenen Zaun hat?
Frau Schulz ruft eines Abends in der Erntezeit 1947 ihrem Mann zu, als er vom Feld kommt: "Emil, du sollst morgen zur Versammlung kommen, Hermann Scheel von der VdgB lässt es dir sagen. Soll was Wichtiges sein."
Emil Schulz ist Bauernsohn. Der Krieg hat ihm die Eltern genommen. Die Bodenreform gab ihm in Altwigshagen eine Neubauernstelle. Er fand auch eine Frau, die sich in der neuen Wirtschaft nicht weniger ins Zeug legt als der junge Bauer.
"Versammlung, Versammlung", brummt Emil, "davon wächst kein Korn, und davon werden auch die Schweine nicht fett".

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Am nächsten Abend entschliesst er sich doch, zur Bauernversammlung zu gehen. "Haben die ein Glück, dass es geregnet hat", sagt er, "sonst würden sie mich nicht in ihrer Versammlung sehen. Aber wenn das wieder nichts Wichtiges ist, werd' ich ihnen was erzählen".
Auf dem Wege zur Gastwirtschaft überlegt Emil noch einmal, ob sie ihm in der Versammlung wohl etwas anhaben könnten. Mit dem Soll ist er glatt. Und schenken würde ihm bestimmt keiner was. Die politischen Reden, die in solchen Versammlungen manchmal gehalten werden, interessieren ihn wenig. Warum eigentlich hingehen?
Als er gedankenversunken die Dorfstrasse hinunter schlendert, trifft er mit einer Gruppe Neubauern zusammen, die auch zur Gastwirtschaft gehen. Im Näherkommen hört Emil Gesprächsfetzen: "Befehl..., bauen..., Kredit...".
Er tut, als wüsste er auch schon bescheid, und mischt sich in die Debatte: "Uns schenkt doch keiner was".
"Was heisst hier schenken", antwortet einer aus der Gruppe, "bezahlen musst du, aber Kredit geben sie dir". "Und dann dein Leben lang Schulden", sagt ein anderer.

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Unterdessen sind sie im Versammlungslokal angekommen. Der Saal ist schon fast voll. Einige wissen offenbar, worum es geht, andere fragen neugierig, um Genaueres zu erfahren.
Bürgermeister Dasse, VdgB-Vorsitzender Scheel und ein Fremder mit dem Abzeichen SED bilden das Präsidium. Der Fremde ist gross und schlank. Sein Haar ist fast grau, es gibt ihm das Aussehen eines erfahrenen Mannes, obwohl das Gesicht noch nicht Züge des Alters trägt. Seine Hände sind gross und kräftig wie die der Bauern. Der Fremde erhält das Wort.
"Weil es in Deutschland noch keine Regierung wieder gibt", sagte er, "deshalb erlässt die Sowjetische Militäradministration bei uns in der Ostzone Bestimmungen, die alles regeln sollen".
Also doch wieder was Politisches, denkt Emil Schulz und holt vor Ungeduld tief Luft.
Der Fremde fährt fort: "Die SMA hat im Laufe dieses Jahres drei ganz besonders wichtige Bestimmungen, so genannte Befehle, erlassen. Das sind praktisch Gesetze."

   
 

"Da bin ich aber neugierig, was das für Gesetze oder Befehle sind", flüstert Emil seinem Nachbarn zu.
"Es handelt sich um die Befehle 201, 209 und 234." Der Fremde spricht von der endgültigen Zerschlagung des Faschismus, von Entnazifizierung, die von der deutschen Bevölkerung und ihren Organen jetzt vorgenommen werden müsse, gewissermassen als Beendigung dessen, was die Rote Armee angefangen hat, als sie die Hitler-Wehrmacht militärisch zerschlug. Dann folgt etwas über die Lage der Arbeiter, über Werkküchenessen und solche Sachen, die den Bauern interessieren müssten, weil er mehr erzeugen soll, damit die Ernährung in der Stadt besser werde.
Der Redner legt den Zettel beiseite, auf dem er anscheinend Stichworte für sein Referat stehen hat, und macht eine Pause. Er blickt auf und sieht sich hundert unbefriedigten Augenpaaren gegenüber. In der letzten Reihe fängt es an zu murmeln.
"Dat's allens?", fragt einer nach vorn.
Der Redner versucht mit einer Geste, sich wieder Gehör zu verschaffen. Eine Stimme aus dem Saal kommt ihm zuvor: "Nu seggen S' uns över uk mol. wo wie dat Veih henstellen sallen! Un överhaupt, kieken S' sich mol 'n beten bi uns üm! Min Sotkurn, dat möt ik in'n Harwst unner min Bettgestell leggen."
"Sehr richtig!" rufen einige Bauern. Viele stimmen mit Beifall zu. Auch Emil Schulz klatscht.

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"Aber jetzt kommt doch die Antwort auf alle eure Fragen", ruft der Redner dazwischen. Im Saal wird es wieder still. Er erläutert den Befehl 209 und das dazu von der Landesregierung Mecklenburg erlassene Neubauernbauprogramm.
Es hat in Altwigshagen noch keine Versammlung gegeben, die so lange dauerte wie diese. Immer mehr Fragen werden gestellt und beantwortet. Als der Redner zum Schluss zur gegenseitigen Hilfe beim Bau der Häuser aufruft, ist er es, der Beifall hat. Auch Emil Schulz klatscht in die Hände.

   
       
 

Viele Bäuerinnen im Dorf mussten in dieser Zeit, als das Bauen begann, noch mehr Arbeiten verrichten. Die Männer hatten Kies und Steine zu fahren. Baugruben waren auszuschachten. Jede Stunde, in der die Frau dem Bauern die Arbeit in der Wirtschaft abnehmen konnte, arbeitete er für den Bau.
Achtundzwanzig Häuser wuchsen in der Gemeinde Altwigshagen aus dem Boden.
Johann Gromzik und Hermann Blank, Frau Asmus, deren Mann inzwischen zurück gekommen war, die ehemaligen Landarbeiter der Borcke und Maltzan – sie hatten zum ersten Mal Freude am Leben, wenn sie auch nicht ungetrübt war. Zu schwer waren die Sorgen, die jeden noch drückten. Aber als seien Jahrzehnte vergangen, so fern lag schon die Zeit, da sie ausgeschmiert und angedonnert wurden, da man ihnen bei jeder Gelegenheit etwas vom Lohn abgezogen und sie hinaus gejagt hatte.
Emil Schulz und die anderen Umsiedler hatten in Altwigshagen ein neues Zuhause und eine neue Existenz gefunden.
Die Arbeit war für alle schwer, aber sie war frei, und sie trug Früchte, die jeder selbst und jeder für sich ernten konnte.

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Die Maschinenausleihstation schickte den Bauern mehr Maschinen. Es waren nicht mehr nur die alten Bulldogs von den Gütern. Die ersten neuen Traktoren trugen russische Schriftzeichen. Es hiess, die sowjetischen Arbeiter hätten für die deutschen Bauern tausend moderne Traktoren zur Verfügung gestellt, weil die Schlepperwerke bei uns erst im Bau wären. Doch es dauerte nicht lange, da erschienen auf den Feldern auch neue Traktoren aus Brandenburg. Die Arbeitsverträge der Bauern mit der MAS enthielten immer höhere Hektarzahlen zum Pflügen, Drillen und Mähen.
Günter Steinborn in Demnitz war einer der Bauern, die schon bald nach den ersten Jahren ohne grosse Mühe das Ablieferungssoll erfüllten und hohe Einnahmen durch freien Verkauf hatten. Günter Steinborn erkannte den Nutzen der MAS. Aber nicht nur das. Als es noch keine MAS gab, war das Ablieferungssoll das einzige, was ihn mit dem Leben ausserhalb seiner Wirtschaft verband. Auch den Bürgermeister interessierte nur, wie und dass die Wirtschaft Steinborn ihrer Verpflichtung nachkam. Jetzt sah der Bauer in der Arbeit der Traktoristen und ihrer Maschinen die Gegenleistung für das, was er liefern musste.

   
 

Mit Hilfe der MAS, durch eigenen Fleiss und mit dem Talent des jungen Neubauern, der sich mit nichts zufrieden gibt und auch mal Neues wagt, um zu gewinnen, wurde Günter Steinborn wohlhabend. Ihm war dieser Staat recht, der sich jetzt gebildet hatte: der Staat der Arbeiter und Bauern.
Die Bauern der Gemeinde Altwigshagen arbeiteten in die Zeit hinein. Jedes Jahr ging es etwas besser. Jedes Jahr gab es aber auch Schwierigkeiten und Kopfzerbrechen darüber, wie man auf vorteilhafteste Weise mit ihnen fertig wurde. Dass 1952 die Kartoffelernte schlecht war, machte den einzelnen Bauern grosse Sorge, weil Kartoffeln Viehfutter sind. Der Bürgermeister und die Gemeinderäte aber sorgten sich um die Ablieferung an den Staat. So wurden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Bauern im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Staatsaktion. Die Altwigshäger haben die Kartoffelgeschichte von 1952 heute noch nicht vergessen, wie viele andere Nöte der verflossenen Jahre, weil sie schliesslich mit mehr endete als mit der einsichtigen Hilfe des Staates.
Die Geschichte begann mit einer Beschwerde.

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