Wolfgang Ewert


Altes Dorf und neue Menschen [8]

 

 

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DIE BESCHWERDE
     
 

An einem Winterabend des Jahres 1952 berät die Gemeindevertretung von Altwigshagen über die Erfüllung des Ablieferungssolls. Es ist erwiesen: Mehrere Bauern haben in diesem Jahr nicht genügend Kartoffeln geerntet, um das Soll zu erfüllen und das Vieh gut durch den Winter zu bringen. Die Gemeindevertreter prüfen und rechnen und diskutieren. Vom Kreis wird gefordert, das Soll in gegenseitiger Hilfe aufzubringen.
Aber wenn der Acker die Kartoffeln nicht gebracht hat? Dem Unkraut ist das Wetter im Sommer gerade recht gewesen. Wer sollte da mit dem Hacken nachkommen?
Der Agronom der MAS Ueckermünde erklärt, künftig brauchte es solche "Engpässe" bei den Pflegearbeiten nicht mehr zu geben, denn die MAS bereite sich darauf vor, die Kartoffeln nach einem neuen Verfahren, einer neuen Methode anzubauen. Man nennt das "Quadratnestpflanzverfahren", weil die Kartoffeln nicht mehr wie bisher in Reihen, sondern in quadratisch angeordneten Nestern gepflanzt werden. Mit Maschinen könne man dann längs und quer hacken, ohne dass auch nur ein Mann mit der Handhacke auf das Feld müsse. Auf kleinen Kartoffelschlägen, fügt der Agronom noch hinzu, lohne der Einsatz der Maschinen allerdings kaum, aber dort, wo im letzten Jahr Produktionsgenossenschaften gebildet worden seien, verspreche man sich viel vom Quadratnestpflanzverfahren: Dem Bauern werde viel schwere Arbeit abgenommen, und obendrein seien höhere Erträge zu erwarten. In der Sowjetunion, von wo die neue Methode komme, habe man gute Erfahrungen damit gemacht.

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"Das ist alles gut und schön, wie du das hier erzählst", sagt einer der Gemeindevertreter, "aber damit ist uns jetzt auch nicht geholfen".
"Dat is all wedder so wat Nieges", bemerkt ein anderer, "seggen löt sich dat all so leicht, öwer noher süht dat immer anners ut". Der Gemeindevertreter, der das eben gesagt hat, sitzt neben dem Agronomen der MAS. Ehe er mit seinem Einwand fortfährt, klopft er mit der Hand, in der er die quiemende Tabakspfeife hält, seinem Tischnachbarn ein paar Mal an den Oberarm, dass er auch ja richtig höre und verstehe, was er noch zu sagen hat: "Un, min Fründ, dat mit de..., mit disse Produktionsdingsda, dat hät mit uns hiergor nix to don. Ik häw dorvon uk schon in de Zeitung läst, so wat fängt an un hürt uk wedder up. Odder bildst du di in, in Ollwigshogen kümmt so wat in Gangn?"
Man soll zur Sache sprechen, zum Kartoffelsoll, wird gefordert. Nach langem Hin und Her beschliesst die Gemeindevertretung, Schritte zu unternehmen, dass das Kartoffelsoll für das vergangene Jahr herab gesetzt werde. Lehnt der Rat des Kreises ab, so müsse man weiter gehen und sich beschweren.
"Wozu haben wir denn jetzt eine Republik", sagt einer, "die Regierung hat schon viel getan. Oder besser noch, wir gehen gleich zu Wilhelm Pieck. Ich weiss, dass der Präsident Sprechstunden abhält, wo jeder kommen kann und sich beschweren".

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Das ist ein Vorschlag! So soll es gemacht werden!
Die Gemeindevertretung wählt eine Delegation und beauftragt sie, den Präsidenten um die Streichung der Kartoffelschulden zu bitten: Hermann Blank, den Parteisekretär der SED im Dorf, und Hermann Scheel, den Vorsitzenden der gegenseitigen Bauernhilfe.
Wenige Tage später fahren die beiden Bauern nach Berlin. Die grosse Stadt empfängt sie mit Bildern, die die Bauern zu Vergleichen mit ihrer Gemeinde zwingen. Unweit vom Bahnhof, auf dem sie ankommen, flattern inmitten von Trümmerbergen und Scharen emsig klopfender, packender, buddelnder und hackender Menschen zwei Fahnen: die Fahnen der Republik und das Banner der Freien Deutschen Jugend mit der aufgehenden Sonne auf blauem Tuch. Noch oft sehen sie die Menschen und die Fahnen in den Trümmern von Berlin.
"Die haben's hier auch nicht leicht", sagt Hermann Scheel.

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Sie fragen sich zur Präsidialkanzlei durch. Im Schloss Niederschönhausen soll sie sein. Endlich stehen sie vor dem Eingang zum Schlosspark. Ein Schloss! Auch in Altwigshagen gibt es ein Schloss. Darin sind jetzt das Gemeindebüro und Wohnungen. In diesem Schloss hier wohnt und arbeitet der Präsident der Republik, der früher Arbeiter war. Die Schlösser dienen jetzt guten Zwecken.
Jeden Augenblick hoffen sie Wilhelm Pieck zu sehen. Sie kennen ihn von Bildern aus der Zeitung. Nach kurzem Warten in der Anmeldung wird den Bauern mitgeteilt, der Präsident habe dringende Arbeiten, eine Mitarbeiterin würde die Bauern empfangen.
Die Altwigshäger Bauern sitzen einer Mitarbeiterin des Präsidenten in der Präsidialkanzlei gegenüber. Sie hört die Beschwerde an. Sie unterbricht die Bauern nicht, macht sich nur Notizen auf einem Blatt Papier. Als die Bauern gesprochen haben, stellt sie einige Fragen. Hermann Scheel und Hermann Blank verschweigen nichts. Warum auch? Sie sind hier in der Kanzlei des Präsidenten des Arbeiter- und- Bauern- Staates, hier kann man alles sagen. Die Beauftragte des Präsidenten hat bald gute Kenntnis von der Gemeinde. An den Fragen, die sie stellt merken die Abgesandten der Altwigshäger, wie gut man hier die Verhältnisse auf dem Lande und auch die Sorgen der Bauern kennt.

 
 

Die Unterhaltung kommt wieder auf die Kartoffelfrage zurück. Warum sie es gerade in diesem Jahr mit dem Hacken nicht geschafft hätten, will die Kollegin wissen, ob die Arbeit in den anderen Jahren nicht auch schwer zu bewältigen gewesen wäre. Die Bauern erklären, dass das Wetter besonders ungünstig war, dass sie natürlich in anderen Jahren auch tüchtig heran mussten, um einigermassen zurecht zu kommen.
Im nächsten Jahr, sagt darauf die Mitarbeiterin der Präsidialkanzlei, würden die Kartoffeln auf vielen Feldern unserer Republik besser gehackt werden, dort wo sich die Bauern zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zusammen geschlossen haben. Auf grossen Feldern könnten die MAS mit grossen, modernen Maschinen arbeiten, für die die schmalen Flächen der einzelnen Bauern zu klein seien. Die Erträge würden steigen. Und leichter würde die Arbeit zudem auch werden.
Das Soll herab setzen, sagt sie weiter, das sei eine einfache Sache. Aber wem sei damit gedient? Die Kartoffeln und alle anderen Erzeugnisse produzierten die Bauern doch nicht nur, um sie zu verkaufen und Geld einzunehmen, sondern damit die ganze Bevölkerung zu essen, besser und mehr zu essen habe.
Die Bauern erkennen das an, beginnen zu verstehen, dass sie nicht alles bedacht hatten, als sie forderten, das Soll herab zu setzen. Die Frau ihnen gegenüber fragt, ob sie in Altwigshagen nicht auch schon über die Genossenschaft gesprochen hätten. Das hätten sie, antworten die Bauern, aber eben nur gesprochen. Ihre Gesprächspartnerin rät ihnen noch, viel darüber zu diskutieren und gut zu überlegen, welche grossen Vorteile sie selbst und die ganze Volkswirtschaft aus der genossenschaftlichen landwirtschaftlichen Produktion gewönnen.

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Die Sache mit dem Kartoffelsoll für dieses Jahr solle durch den Rat des Kreises noch einmal geprüft werden.
Hermann Blank und Hermann Scheel kehren nach Altwigshagen zurück. Unterwegs im Zug sprechen sie schon kaum noch über die Kartoffeln. Sie machen sich Gedanken über die Worte, die ihnen in der Präsidialkanzlei mit gegeben wurden: Sprecht viel über die Genossenschaft!
In der Gemeinde verbreitet sich schnell die Kunde von der Rückkehr der Beauftragten. Mit wem Hermann Blank und Hermann Scheel aber auch sprechen, jedem berichten sie von der Frage, die ihnen gestellt worden ist: Ob sie nicht auch, wie andere Bauern, eine Produktionsgenossenschaft gründen wollten.
Die Frage wird zum Dorfgespräch, löst Unruhe, Proteste und nächtelange Diskussionen aus. Funktionäre der Partei der Arbeiterklasse, der Staatsmacht, der MAS beraten, klären, zerstreuen Zweifel, beantworten Fragen, deren es Dutzende gibt. Die Idee der Genossenschaft, der Gemeinschaft, der Zukunft, des Fortschritts, der Schönheit und des Wohlstands beginnt in Altwigshagen ihren schweren aber siegreichen Lauf.

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