Vom Rittergut zur Spekulationsruine

In Altwigshagen standen die Tagelöhner und das Gesinde durch Gewährung von Wohnraum für sich und die Familie und Durchfütterung einer Kuh mit dem Arbeitgeber in einem festen Verhältnis. In der Landwirtschaft musste schwer gearbeitet werden. In der glühenden Sommerhitze schnitten Saisonarbeiter das Korn mit der Sense. Frauen banden die Garben, die dann auf Erntewagen geladen und unter das Scheunendach gestapelt wurden. Im Winter lärmte wochenlang die Dreschmaschine. Die Kartoffeln wurden auf endlos scheinenden Äckern mühsam mit dem Kratzer aus dem Boden geholt, per Hand aufgesammelt und in Körben zu den Wagen geschleppt. Im Herbst richtete der Gutsherr ein Erntefest aus, an dem die Frauen ihm dann eine Erntekrone überreichten. Anschliessen wurde gefeiert. Bei Regenwetter wurde der Kornboden zum Tanzen ausgeschmückt. Als nach 1933 Ulrich Roeser in seinem "Krug Borckenfriede" geeignete Räumlichkeiten geschaffen hatte, wurden die Erntefeste in "Roesers Eck" (heute "Café 70") verlegt.

Die Jugendlichen fanden, sobald sie konfirmiert waren, Arbeit im Dorf: die Jungen in der Landwirtschaft, die Mädchen in der Hauswirtschaft. Die gutseigene Gärtnerei und der Geflügelhof bildeten Lehrlinge aus. Ihre Freizeit verbrachten sie in der Tanzgruppe oder sie sangen im Kirchenchor. Die meisten Männer waren Mitglied im Schützenverein und in der Feuerwehr. Die Frauen und die älteren Mädchen fanden sich im Frauenschaftsverein oder im Roten Kreuz zusammen.

1939 begannen die schwierigen Zeiten. Der Zweite Weltkrieg wirkte sich hart auf das bisher geordnete Leben im Dorf aus. Zuerst verschwanden die meisten Männer in den Militärdienst. 15 von ihnen kamen aus dem Krieg nicht wieder zurück. Vier Jahre später strömten unzählige Flüchtlinge durch Altwigshagen auf der Suche nach einer Bleibe. Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches verstärkte sich dieser Strom. Die Bodenreform 1945 und die damit verbundene Enteignung der adligen Grossgrundbesitzer eröffnete vielen dieser Flüchtenden die Möglichkeit einer neuen Existenz.

Vor den heran rückenden russischen Truppen versteckten sich die Dorfbewohner mit den Planwagen des Gutes in den Wäldern bei Charlottenhorst rings um den Lübkowsee. Die russischen Soldaten fanden im Dorf nur die zurückgelassenen Kriegsgefangenen vor. Diese mussten dann als Kuriere fungieren. Ihre positiven Auskünfte über Karl-Heinz Graentz haben dem Gutsherren wahrscheinlich das Leben gerettet. Aus Angst vor einer drohenden Beschiessung kehrte die Bevölkerung schliesslich wieder nach Altwigshagen zurück. Die ausgehungerten siegreichen Soldaten verbreiteten in der ersten Zeit ihrer Besatzung unter den Deutschen Angst und Schrecken. Die jungen Frauen und Mädchen versuchten sich auf den Heuböden zu verstecken. Einige Verzweifelte ertränkten sich im See.

Die letzte Erbin des ehemaligen Ritterguts Annelie Graentz geborene von Borcke musste 1945 wegen einer schweren Krankheit ins Krankenhaus nach Ducherow gebracht werden. Dort verstarb sie am 26. April 1946.

Im Schloss lebten viele der Ostflüchtlinge. In jedem Raum, im Saal und in den Kellergelassen drängten sich 16 Familien und noch mehr Einzelpersonen. Im Zuge der Bodenreform wurde die Familie Graentz 1945 enteignet. Ab 1947 begannen die Neubauern mit dem Bau ihrer Wohnhäuser und entlasteten beim Einzug die Enge in den provisorischen Unterkünften. Während die obere Etage noch längere Zeit bewohnt wurde, konnten die Zimmer in der unteren Etage ab 1949 als Kindergarten (bis 1990), für kurze Zeit auch als Standesamt und als Unterrichtsraum genutzt werden. Zwischen 1958 und 1988 waren im Schloss auch die Verwaltung (bis Anfang der 90er Jahre) sowie die Gemeindeschwesternstation untergebracht.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands verfiel das frühere Schloss mehr und mehr. Nach vergeblichen Versuchen, für das geschichtsträchtige Haus einen interessierten Investor zu finden, fiel der Zuschlag schliesslich für ein "Trinkgeld" an eine Firma, die sich nicht um die verwahrloste Liegenschaft gekümmert hat. Inzwischen ist das Grundstück drei weitere Male versteigert worden – zuletzt im Frühling 2010. Wenige Monate später brach ein Teil der rückwärtigen Hauswand ein.


 
     
Freie Bauern kommen     

 
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